02/03/17

Brennnesseln - Urtica

Die Brennnesseln (Urtica) bilden eine Pflanzengattung in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae), die fast weltweit verbreitet ist. Die Gattung umfasst etwa 45 Arten.  Der Name leitet sich ab von "brennen" - lateinisch: urere.
In Deutschland nahezu überall anzutreffen sind die Große Brennnessel und die Kleine Brennnessel.

Brennnessel-Arten wachsen als einjährige oder ausdauernde krautige Pflanzen, selten auch Halbsträucher. Sie erreichen je nach Art, Standort und Nährstoffsituation Wuchshöhen von 10-300cm bei den in Mitteleuropa vertretenen Arten. Die ausdauernden Arten bilden Rhizome als Ausbreitungs- und Überdauerungsorgane.
Die grünen Pflanzenteile sind mit Brenn- sowie Borstenhaaren besetzt. Ihre oft vierkantigen Stängel sind verzweigt oder unverzweigt, aufrecht, aufsteigend oder ausgebreitet. Die meist kreuz-gegenständig am Stängel angeordneten Laubblätter sind gestielt. Der Blattrand ist meist gezähnt bis mehr oder weniger grob gezähnt.
Bekannt und unbeliebt sind die Brennnesseln wegen der schmerzhaften Quaddeln (Schwellungen), die auf der Haut nach Berührung der Brennhaare entstehen. Je nach Brennnesselart unterscheiden sich die Folgen, so ist beispielsweise die Brennflüssigkeit der Kleinen Brennnessel (Urtica urens) wesentlich schmerzhafter als die der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Diese Brennhaare wirken als Schutzmechanismus gegen Fraßfeinde und sind überwiegend auf der Blattoberseite vorhanden. Es sind lange einzellige Röhren, deren Wände im oberen Teil durch eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas sind. Das Köpfchen kann schon bei einer leichten Berührung abbrechen und hinterlässt eine schräge, scharfe Bruchstelle, ähnlich der einer medizinischen Spritzenkanüle. Bei Kontakt sticht das Härchen in die Haut des Opfers und sein ameisensäurehaltiger Inhalt spritzt mit Druck in die Wunde und verursacht sofort einen kurzen, brennenden Schmerz und dann die erwähnten Quaddeln mit Brennen oder Juckreiz.  Weitere Wirkstoffe der Brennflüssigkeit sind Serotonin, Histamin, Acetylcholin und Natriumformiat. Bereits 100 Nanogramm dieser Flüssigkeit reichen aus, um Wirkung zu erzielen. Histamin erweitert die Blutkapillaren und kann Reaktionen hervorrufen, die allergischen Reaktionen ähneln (diese werden unter anderem durch Freisetzung körpereigenen Histamins verursacht). Acetylcholin ist auch die Überträgersubstanz vieler Nervenendungen und für den brennenden Schmerz verantwortlich. Brennnesseln lassen sich relativ gefahrlos anfassen, wenn man sie von unten nach oben überstreicht, da fast alle Stacheln nach oben gerichtet sind.

Für die Raupen von rund 50 Schmetterlingsarten sind bestimmte Brennnessel-Arten eine Futterpflanze. Die Schmetterlingsarten Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs (auch als Nesselfalter bekannt), Silbergraue Nessel-Höckereule, Dunkelgraue Nessel-Höckereule, Brennnessel-Zünslereule (Hypena obesalis) und das Landkärtchen sind dafür sogar auf die Brennnessel angewiesen.

Die vielfätigen Verwendungen beziehen sich vor allem auf die Große Brennnessel (Urtica dioica), die unter anderem als Heil- und Nutzpflanze dient.
Als Frühjahrsgemüse werden die jungen Brennnesseltriebe wegen ihres hohen Gehalts an Flavonoiden, Mineralstoffen wie Magnesium, Kalzium und Silizium, Vitamin A und C (doppelt so viel wie in Orangen), Eisen, aber auch wegen ihres hohen Eiweißgehalts geschätzt. Die Brennnessel enthält in der Trockenmasse etwa 30 % Eiweißanteil. Der Geschmack wird als „dem Spinat ähnlich, aber aromatischer“ und als feinsäuerlich beschrieben. Besondere Verbreitung fanden Brennnesselgerichte in Notzeiten, in denen Blattgemüse wie Spinat oder Gartensalat zugunsten nahrhafterer Pflanzenarten kaum angebaut wurden, und bei der armen Bevölkerung, da Brennnesseln auf Brachflächen und in lichten Wäldern reichlich gesammelt werden können.
Für die Nesselsuppe werden die ersten, etwa 20cm langen oberirdischen Pflanzenteile im Frühjahr bzw. die oberen zwei bis vier Blattpaare verwendet.
Die Samen der Brennnessel eignen sich geröstet  zum Verzehr.
Der unangenehmen Wirkung der Nesselhaare kann man bei der rohen Verwendung für beispielsweise Salate entgegenwirken, indem man die jungen oberirdischen Pflanzenteile in ein Tuch wickelt und stark wringt, sie sehr fein schneidet, mit einem Nudelholz gut durchwalkt oder ihnen eine kräftige Dusche verabreicht. Kochen sowie kurz blanchieren für Brennnesselspinat sowie -suppe macht die Nesselhaare ebenfalls unschädlich.
Durch das Trocknen der oberirdischen Pflanzenteile verlieren sie ihre reizende Wirkung und werden als Brennnesseltee verwendet.
Früher wurden gelegentlich Butter, Fisch und Fleisch in Brennnesselblätter gewickelt, um sie länger frisch zu halten. Tatsächlich verhindern die Wirkstoffe der Brennnessel die Vermehrung bestimmter Bakterien. Diese Praxis ist sogar gerichtsnotorisch: 1902 wurde eine Berliner Milchhändlerin auf Grund der Brennnesselblätter in ihrer Milch wegen Lebensmittelverfälschung angeklagt. Mit der Begründung, dass dies ein „allgemein geübtes Verfahren“ sei, wurde die Händlerin jedoch freigesprochen.
In Mitteleuropa, unter anderem den Niederlanden, Luxemburg, Österreich und Deutschland, werden Brennnesseln auch als Zutat für Brennnesselkäse verwendet.
Noch heute gibt man ganze oder gehackte Brennnesseln als Vitaminträger in das Futter von Küken, Ferkeln und Kälbern, damit sie schneller wachsen; auch als ganze Pflanzen gibt man sie Hausschweinen in der biologischen Landwirtschaft gern als Beifutter.

Die Brennnessel ist eine Faserpflanze (Fasernessel), Nesseltuch gab es bereits vor Jahrtausenden. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lebte das Interesse an der heimischen Faserpflanze aufgrund einer Baumwollknappheit wieder auf. Um 1900 galt Nessel als das „Leinen der armen Leute“. Im Zweiten Weltkrieg wurde Nesseltuch verstärkt in Deutschland für Armee-Bekleidung verwendet. Die Fasern können durch mikrobiologische Prozesse freigelegt werden. Derzeit werden in Meßstetten Brennnesseln als Faserpflanzen angebaut und zu Textilien verarbeitet (Schwarzwälder Bote 01.09.2013)

Lange Zeit gehörte die Brennnessel zu den Färbekräutern. Wolle kann man mit ihrer Wurzel, nach Vorbeizen mit Alaun, wachsgelb färben. Mit einer Zinnvorbeize, Kupfernachbeize und einem Ammoniak-Entwicklungsbad erzielen die oberirdischen Teile ein kräftiges Graugrün. Man benötigt etwa 600 Gramm Brennnessel pro 100 Gramm Wolle; besonders bei der Brennnessel kann der Farbton vom Zeitpunkt des Pflückens und Färbens abhängen, deshalb ist die Technik bei Massenproduktion von Kollektionen in Vergessenheit geraten. 

Die Brennnesseln finden insbesondere im biologischen Gartenbau vielfältige Verwendung. Ein scharfer Kaltwasserauszug (nur 24 Stunden angesetzt) als Pflanzenstärkungsmittel festigt durch die enthaltene Kieselsäure die Zellwände der damit gegossenen Pflanzen und stärkt sie so gegen den Befall beißender wie saugender Insekten. Eine selbst hergestellte Jauche löst zusätzlich den Stickstoff der Brennnessel sowie Spurenelemente heraus und hat dadurch auch Düngewirkung. Die anfallenden Reste können im Kompost verwertet werden.

Eine kommerzielle Kultivierung der Brennnessel zur Herstellung von Brennnesseltee erfolgt auf speziellen Brennnesselfeldern. Das größte Vorkommen an Brennnesselfeldern befindet sich in der Ukraine.

Die lange Geschichte der Brennnessel als Heilpflanze und Nahrungsmittel führt dazu, dass es eine Vielzahl ethnobotanischer Traditionen und Ansichten über diese Pflanzenarten gibt, die teils dem Bereich der Mythen und des Aber- und Wunderglaubens entstammen. Einige der Bräuche: Am Gründonnerstag Brennnesselgemüse zu essen, was für das folgende Jahr vor Geldnot schützen soll. Fünf Nesselblätter in der Hand zu halten, um frei von Furcht und bei kühlem Verstand zu bleiben. Am Johannistag Brennnesselpfannkuchen zu essen, um gegen Nixen- und Elfenzauber gefeit zu sein. Am 1. Januar Brennnesselkuchen zu essen, um sich ein gutes Jahr zu sichern.

 

Informationen

Wikipedia - engl. urtica -

Fischer, L., Judith Schalansky, J.(Hg.): Brennnesseln. Ein Portrait Matthes&Seitz Verlag, Berlin. Reihe: Naturkunden, 2017, 168 Seiten (Tagesspiegel 12.05.2017)

Unkraut in der Küche - aid  / food-monitor April 2015 -
- Brennnessel in der Küche: Vitamin C aus der Natur. BZfE News 18.04.2018 / dpa/tmn-Meldung 20.04.2018 z.B. in Rhein-Zeitung + Weser-Kurier -

Viele Angebote - Brennnessel (Pulver) als Superfood

Brennnessel gibt es auf Briefmarken in
Bosnien Herzegowina (Serbische Republik) (MiNr.666-67, 23.09. 2015) Europäischer Naturschutz: Pflanzen, u.a.  Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) (Abb)
Liechtenstein (MiNr.1116-19, 05.09.1995) Heilpflanzen. u.a. Große Brennnessel (Urtica dioica) (Abb)
Makedonien (MiNr.743-46, 14.10.2015) Einheimische Flora. u.a. Große Brennnessel (Urtica dioica)
Montenegro (MiNr.293-94, 16.03.2012) Flora.  Brennnessel (Urtica sp.) (Abb)
Somalia (MiNr.620-23, 02.05.1997)  Heilpflanzen. u.a. Große Brennessel (Urtica dioica)

(und bei Schmetterlingen gibt es z.B. "Kleinen Fuchs" dessen Raupen Brennnessel als Futter obligat haben müssen, s.o. - gibt es z.B.  in Belgien (MiNr.2555-58, 08.05.1993)  Schmetterlinge. u.a. Kleiner Fuchs (Aglais urticae) (Abb)

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