02/11/15

Die Gemeine Wegwarte - Zichorie

Die Gemeine oder Gewöhnliche Wegwarte (Cichorium intybus), auch Zichorie genannt, wächst in Mitteleuropa häufig an Wegrändern. Sie ist nicht nur schön (2009 -  Blume des Jahres) sondern zählt zu den gesunden Gemüsen mit nachgewiesenen Heilwirkungen (2005 - Gemüse des Jahres). Sie ist die Wildform der bekannten Gemüsekulturpflanzen Chicorée, Radicchio, Wurzelzichorie und Zuckerhut. Sie gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) und zur Gattung der Wegwarten (Cichorium), zu der unter anderem auch Endivie(nsalat) (Cichorium endivia) gehört.
- Weitere Sorten sind Catalogna und Puntarelle.

Die Gemeine Wegwarte ist in Europa, Westasien und Nordwestafrika heimisch, daneben wurde sie in Afrika, Nord- und Südamerika eingeschleppt. In Mitteleuropa wächst sie in Weiden, Äckern, entlang von Wegen und Straßen. Sie gilt als eine Pionierpflanze und ist ein Tiefwurzler. Bei uns zählt sie heute für die meisten Menschen (noch) als Unkraut (in der  Dr.Oetker-Warenkunde, 1951, wird sie so charakterisiert).
In China und den USA wird die Pflanze kommerziell als Futterpflanze angebaut

Die Gemeine Wegwarte ist eine ausdauernde, krautige Pflanze; die Wuchshöhen von 30-140 cm erreicht. Sie besitzt eine tiefreichende Pfahlwurzel (mehrere Meter). Die Blütenköpfchen haben einen Durchmesser von 3 bis 5 cm sind himmelblau, selten auch weiß gefärbt; die Blütezeit ist von Juni bis Oktober. Die auffälligen Blütenstände sind nur vormittags und jeweils nur für einen Tag geöffnet. Blüten drehen sich zur und mit der Sonne, schließen sich mittags („sunnenwirbel“ – Hildegard von Bingen).

Die Wegwarte wird seit spätestens dem Mittelalter zur Arzneimittelherstellung genutzt. Paracelsus empfiehlt sie bereits als schweißtreibend, Kneipp bei Magen- Darm- und Lebererkrankungen. In der Pflanzenheilkunde wird sie zur Stimulierung und zur Heilung von Milz, Leber und Galle eingesetzt, wird aber auch zur allgemeinen Reinigung bei Hautkrankheiten und Ekzemen angewendet.
Volkstümliche Anwendungen umfassen Appetitanregung (ganze Pflanze), Stimulierung der Sekretion von Verdauungssäften und abführende Wirkungen. Bei der Appetit- und Verdauungsanregung dürften die bitteren Guajanolide wirksam sein Sie wird zu den wichtigsten Pflanzenheilmitteln gezählt.

Die Blätter können als Salat gegessen werden, z.B. im Winter da die Wegwarte winterhart ist. Sie werden ebenso als Silage für Tierfutter verwendt.
Die Wurzeln der Gemeine Wegwarte enthalten Inulin (Polyfructose) und verschiedene Bitterstoffe; sie sind Fruktan-Lieferant. Somit werden sie in Diabetiker-Lebensmittel eingesetzt. Im Winter sprosst die Wurzel, diese Sprossen können verzehrt werden ⇒ Chicorée.

Die Wurzelzichorie wurde geröstet zunächst dem Bohnenkaffee zugesetzt, um diesem mehr Farbe und Bitterkeit zu verleihen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie auch allein als Kaffeegetränk („Ersatzkaffee“) verwendet. Als Erfinder des Zichorienkaffees (→ Muckefuck) gelten der kurhannoversche Offizier Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster († um 1801), die um 1769/70 Konzessionen für den Betrieb von Zichorienfabriken in Braunschweig und Berlin erhielten. Friedrich der Große förderte ihren Anbau, ähnlich wie bei der Kartoffel.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Wurzelzichorie weit verbreitet angebaut, heute spielt sie jedoch im Zusammenhang mit ihrer ursprünglichen Nutzung als Kaffeegetränk keine große wirtschaftliche Rolle mehr; das bekannteste Handelsprodukt mit einem Anteil an Wurzelzichorie unter seinen Inhaltsstoffen ist Caro-Kaffee. Ihr Anbau erlebt gegenwärtig eine Renaissance, da die Fruktose-Saccharide (Inulin) für die  Herstellung diätetischer Lebensmittel interessant ist (s.o. Diabetes-Diät).

Vor allem aus dem ausgehenden Mittelalter sind viele Mythen bekannt, die der Wegwarte unglaubliche Zauberkräfte, vor allem im Liebeszauber, zuschreiben. Sie soll den Träger der (nach einem bestimmten Ritus ausgegrabenen) Pflanze im Kampf unbesiegbar und allgemein unverwundbar machen. Fraglich ist jedoch, ob in der Wegwarte etwa eine reale Entsprechung des Symbols der Romantik, der „blauen Blume“, gesehen werden kann.

Der Heidedichter Hermann Löns (1866-1914) widmet in seinem Band „Der kleine Rosengarten“ der Wegwarte ein Gedicht.
"Wegwarte"
Es steht eine Blume,
Wo der Wind weht den Staub,
Blau ist ihre Blüte,
Aber grau ist ihr Laub. ...“

 

Informationen:

wikipedia  -  - Wiktionary - engl - chicory

Harsh Pal Bais, GA Ravishankar: Cichorium intybus L – cultivation, processing, utility, value addition and biotechnology, with an emphasis on current status and future prospects. Journal of the Science of Food and Agriculture. 81,467-484 (2001) ISSN 0022-5142

Flora of North America - Cichorium intybus.
FAO Ecocrop - Cichorium intybus

Die Blauwarte ist die "Pflanze Europas 2005" - Wildgemüse und Heilpflanze. Ärzte Zeitung, 8.12.zember 2004.

Udelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland von der Vorgeschichte bis heute. Theiss, Stuttgart 1988, S. 287-292, (im Archiv)

- Gemeine Wegwarte. In: FloraWeb.de.

Verwendung in der Volksheilkunde
- Bei www.sachsen-natur.de - Legenden um die Gemeine Wegwarte

Im www.lebensmittellexikon.de  - Zichorien/Wegwarten

- Im historischen Krünitz-LexikonWegwarte

- Grimms-Wörterbuch - Wegwarte

 

 

 

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