10/14/23
Frauenmantel (Alchemilla) ist eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Arten sind in der Alten Welt in Europa, Asien und Afrika verbreitet und gedeihen vorwiegend in den Gebirgen. Stark behaarte Formen werden auch als Silbermantel bezeichnet. Sie sind krautige bis strauchförmige Pflanzen, ihre Blüten sind klein, unscheinbar und kronblattlos. Die Fortpflanzung erfolgt überwiegend, bei den europäischen Arten fast ausschließlich, agamosperm (über ungeschlechtliche Samenbildung). Von den etwa 1000 Arten sind rund 300 in Europa heimisch. In Europa wurden die Arten als Volksarzneipflanzen verwendet. Einige Arten liefern ein gutes Viehfutter, sehr wenige werden als Zierpflanzen kultiviert.
Der Name Alchemilla leitet sich vom Begriff Alchemie ab und wurde erstmals 1485 im Gart der Gesundheit verwendet. Er bedeutet so viel wie kleine Alchemistin. Der deutsche Trivialname „Frauenmantel“ bezieht sich auf die Ähnlichkeit der gefältelten Blätter mit dem Mantel auf mittelalterlichen Mariendarstellungen. In Nassau und im Böhmerwald heißt es auch „Liebfrauenmantel“. Alchemilla alpina und ähnliche Arten werden als „Silbermänteli“, „Silberchrut“ oder ähnlich bezeichnet. Auf die gefältelten Blätter beziehen sich Namen wie „Zugmantel“ (in Schlesien), „Krausemäntelchen“ (Oberharz) und „Röckli“ (Schweiz). Ebenfalls auf die Blattform spielen Namen wie „Hiadl“ (Böhmerwald), „Dächlichrut“ (Schweiz) oder „Regendächle“ (Schwaben) an. Die Guttationstropfen führten zum Namen „Sinau“ (von Sinn-Tau = Immertau), „Taublatt“, „Taubecher“ usw. Dies Tropfen wurden auch mit den Blutstropfen des gekreuzigten Jesus oder den Tränen der Maria verglichen. Die Blätter werden auch mit Gänse- und mit Löwenfüßen verglichen. Nach ihrem Standort auf Weiden werden sie zudem als „Schweinsrose“ (Ostpreußen) und „Gänselgrün“ bezeichnet. Ihre Verwendung als Arzneipflanze schlug sich in Namen wie „Ohmkraut“, „Wundwurz“ (Kärnten), „Mutterkraut“, „Milchkraut“, „Frauentrost“, „Aller Fraue Heil“ bzw. „Allerfrauenheil“ nieder.
Die Frauenmantel-Arten sind sommergrüne Zwerg- oder Halbsträucher oder ausdauernde krautige Pflanzen. Die Sprossachsen sind oberirdisch, manchmal teilweise verholzt. Ihre Verzweigung erfolgt monopodial. Die Hauptachse ist liegend, bildet Adventivwurzeln und ist mit Blattstiel- und Nebenblattresten besetzt. An der Spitze der Hauptachse befindet sich eine Grundblattrosette. Die oberirdischen vegetativen Pflanzenteile sind häufig behaart. Bei den aufrecht wachsenden, tropischen Sträuchern sind die Achsen (mit Ausnahme des Blütenstands) meist alle gleich ausgebildet. Die Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die Blattspreiten sind gelappt bis gefingert und am Rand gezähnt. In der Knospe sind die Blätter mehrfach gefaltet, jeder Blattlappen einzeln, sodass ein Fächer entsteht. Der gefältelte Fächer ist auch an entfalteten Blättern häufig zu erkennen. Die Blütenstandsachsen werden seitenständig gebildet. Der ganze Blütenstand ist eine geschlossene Thyrse, die jedoch je nach Anordnung unterschiedlich wirken kann: rispenähnlich, trauben-, doppeltraubenähnlich usw. Die Blüten sind klein und von grüner oder gelblicher Farbe. Die Früchte sind einsamige Nüsschen.
Die Gattung Alchemilla ist fast ausschließlich in der Alten Welt verbreitet und hier besonders in den Gebirgen. Im Norden Eurasiens kommt sie auch in der Ebene vor. In Trockengebieten fehlt sie. Die Gebirge Ostafrikas stellen ein Mannigfaltigkeitszentrum bezüglich Wuchsformen und Verwandtschaftsgruppen dar. In den temperaten Gebieten ist ein Zentrum in Vorderasien, das rund 500 Arten beherbergen dürfte. Im Gebiet nördlich des Kaukasus kommen rund 60 Arten vor, in Sibirien 40 und in Zentralasien rund 20. In Japan ist eine Art endemisch. In den Karpaten kommen rund 70 Arten vor (40 endemisch), in den Alpen 150, auf der Iberischen Halbinsel etwa 50. Vier Arten reichen bis in das arktische Nordamerika (Grönland, Labrador, Neufundland), eine mit europäischen Sippen verwandte Art wächst im Atlas. Im Norden reicht das Areal bis zum 70. Breitengrad, in den Alpen steigt die Gattung bis 3200 m, im Elburs-Gebirge bis 3760 m. Mehrere mitteleuropäische Arten, besonders Alchemilla xanthochlora, wurden in Nordamerika, Neuseeland und Australien eingeschleppt.
Die Alchemilla-Arten benötigen eine gute Wasserversorgung, viel Licht sowie im Winter Schneeschutz oder milde Winter. Die Samen sind Frost- und Lichtkeimer. Frauenmantel bilden auf gedüngten Wiesen oft Massenvorkommen. Diese raschwüchsigen Arten sind trittverträglich und können bei guter Wasserversorgung den zur Verfügung stehenden Stickstoff rasch verwerten. Dadurch sind sie auf diesen Standorten recht konkurrenzstark, besonders auf Geflügelweiden.
Die ganzblättrigen Alchemilla-Arten bilden ein gutes Mähfutter. Sie werden auch frisch gerne vom Vieh gefressen, weniger gern vom Geflügel. Die alpinen Zwergsträucher hingegen gelten als Weideunkraut, da sie häufig Massenbestände bilden und nur von Schafen und Ziegen gefressen werden, nicht von anderem Vieh.
In der Volksmedizin werden die Arten zur Behandlung von Wunden, Blutungen, Frauenkrankheiten, Geschwüren, Bauchschmerzen, Nierensteinen, Kopfschmerzen und anderen Beschwerden verwendet. Dabei werden alle mitteleuropäischen Arten als Volksarzneipflanzen und als Kult- bzw. Zauberpflanzen verwendet.
Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes veröffentlichte 1986 eine (Positiv-)Monographie über Frauenmantelkraut, in der „leichte unspezifische Durchfallerkrankungen“ als Indikation angegeben werden.
Informationen
Wikipedia - engl. Alchemilla -
Stindt, A.: Heilpflanzen: Frauenmantel hilft nicht nur gegen Frauenleiden. link bei www.heilpraxisnet.de 15.06.2024 ⇒ Jelača, S. et al.: Antimelanoma Effects of Alchemilla vulgaris: A Comprehensive In Vitro and In Vivo Study. Diseases 12(6), 125; doi.org/10.3390/diseases12060125 (08.06.2024) - Gueven, L. et al.: Alchemilla pseudocartalinica Juz: Phytochemical Screening by UPLC-MS/MS, Molecular Docking, Anti-oxidant, Anti-diabetic, Anti-glaucoma, and Anti-Alzheimer Effects. RECORDS OF NATURAL PRODUCTS 18(2) 251-272 (20.02.2024)
Stindt, A.: Heilpflanzen: Frauenmantel kann Frauen und Männern helfen. link bei www.heilpraxisnet.de 13.10.2023 ⇒ Recep Tayyip Erdoğan Üniversitesi: Distribution of Alchemilla species in Rize and their Usage in Folk Medicine. Chapter 6 (2023) - Kanak, S. et al.: Phenolic Composition and Antioxidant Activity of Alchemilla Species. Plants 11(20), 2709; doi.org/10.3390/plants11202709 (13.10.2022) - Vlaisavljević, S. et al.: Alchemilla vulgaris agg. (Lady's mantle) from central Balkan: antioxidant, anticancer and enzyme inhibition properties. RSC Advances 9, 37474-37483 DOI: 10.1039/C9RA08231J (18.11.2019).
Es gibt eine Briefmarke von Frauenmantel aus den Färöer (Dänemark) (17.03.1980) - Feldblumen - Strandwegerich (Plantago maritima) - Eis-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis) - Purpur-Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) - Sterne-Steinbrech (Saxifraga stellaris) - Färingischer Frauenmantel (Alchemilla faeroënsis) (Abb) (Satz) (FDC)