11/30/23
Weihrauch (althochdeutsch wīhrou[c]h, ‚Boswellienharz‘ ) ist das luftgetrocknete Gummiharz, das von verschiedenen Boswellia-Arten gewonnen wird. Weihrauch wird nicht nur kultisch als Räucherwerk verwendet, sondern auch heilkundlich als Phytotherapeutikum. Der beim Verbrennen entstehende Rauch wird ebenfalls als Weihrauch bezeichnet. Weihrauchharz ist grobkörnig bis stückig und von durchscheinend braun-gelber bis rötlich-brauner Farbe. Andere Bezeichnungen sind Olibanum sowie lateinisch Thus und incensum (engl. Frankincense)
Hauptsächlich wird das Harz von Boswellia sacra (= Boswellia carterii), Boswellia papyrifera, Boswellia serrata, Boswellia frereana gewonnen, die jeweils einen leicht unterschiedlichen Harztyp erzeugen. Geerntet und genutzt werden aber auch unbekanntere Sorten, wie Boswellia dalzielli, Boswellia nana, Boswellia neglecta und Boswellia rivae. Unterschiedliche Standorte sowie klimatische Gegebenheiten beeinflussen die jeweilige Harzqualität ebenfalls. Durch Schnitte in Stamm und Äste tritt dort eine klebrig-milchige Flüssigkeit aus, die durch Trocknung an der Luft das Weihrauchharz entstehen lässt. Zwischen Ende März und Anfang April beginnt die Weihrauchproduktion, die über mehrere Monate andauert. Manche Weihraucharten werden, bis auf die Monsunzeit, das ganze Jahr geerntet.
Der erste Erntevorgang ergibt ein nur sehr minderwertiges Harz, das früher nicht verwendet wurde, mittlerweile jedoch vermarktet wird. Erst drei Wochen später wird eine annehmbare Qualität geerntet, die mit den weiteren Wochen immer besser und reiner wird. Die Harztropfen der ersten Ernte sind teilweise nur wenige Millimeter groß und fast schwarz bis bernsteinfarben. Sie wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts als unbrauchbar betrachtet, weggeworfen und gelangten nicht in den Handel. Die Harztropfen der letzten Ernte hingegen sind etwa einen Zentimeter groß und fast schneeweiß. Sie sind bis fünfzehnmal teurer als die Harztropfen der ersten Ernte. Beim Räuchern entwickelt die letzte Ernte einen sehr intensiven, schweren Duft mit Zitronennote.
Die Harzausbeute pro Baum hängt von Alter, Größe und Zustand des Baumes ab und liegt zwischen zwei und zehn Kilogramm. Die Weihrauchbäume sind jedoch in ihrem Fortbestand stark bedroht. Mehr als 82 % der Weihrauchproduktion stammt aus Somalia, der Rest kommt aus dem angrenzenden südlichen Arabien (Oman), Eritrea und Äthiopien, Sudan und anderen zentralafrikanischen Ländern.
Weihrauch besteht aus einem Gemisch aus ätherischen Ölen, Harzen, Schleim und Proteinen, deren Mengen artabhängig schwanken. Der Anteil an reinem Harz beträgt etwa 50 bis 80 %, einen Großteil des Harzes machen Terpene aus, zu denen auch die Boswelliasäuren gehören. Der Gummenanteil im Harz beträgt je nach Sorte 10–30 %, der Anteil der ätherischen Öle liegt zwischen 5 und 12 %.
In der Antike war Weihrauch ein hochbezahltes und begehrtes Handelsgut und wurde auf der Weihrauchstraße (Oman–Jemen–Hedschas–Gaza–Damaskus) und im Fernhandel bis in fast alle Gegenden der alten Welt gehandelt und spielte in den allermeisten Religionen und Kulturen der damaligen Zeit eine Rolle. Der Ursprung des Weihrauchs wurde geheim gehalten, die Handelswege überwacht.
Zu den Geschenken der biblischen Weisen aus dem Morgenland gehörte Weihrauch aus Südarabien.
Weihrauch war schon bei den alten Ägyptern für kultische Zwecke, bei der Mumifizierung herausragender und vermögender Personen und zumindest in begüterteren Kreisen im Alltag als aromatisches, desinfizierendes und entzündungshemmendes Räuchermittel und Heilmittel in Gebrauch. Es entwickelt beim Verglühen (Räuchern) einen aromatisch duftenden Rauch und wird in verschiedenen Religionen, auch der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche seit Mitte des ersten Jahrtausends bei Kulthandlungen verwendet, meist vermischt mit anderen Räuchermitteln wie Benzoe, Myrrhe, Galbanum, Zistrose, Styrax, Lorbeer. Früher wurden auch andere Räucherharze als Weihrauch bezeichnet.
Auch privat war das regelmäßige Ausräuchern des Hauses mit verschiedenen aromatischen Mischungen in der Antike verbreitet. Im altägyptischen Totenkult wurde dem Weihrauch eine bannende (apotropäische) Wirkung gegen die Macht und den Geruch des Todes zugesprochen. Auch die Sumerer, Babylonier und Perser kannten den Weihrauch.
Im Altertum waren Medizin und Religion eng verbunden. Spuren davon sind noch heute in der Sprache zu finden: Wenn etwas heilt, dann ist es heil-ig. Erste Hinweise auf die Verwendung von Weihrauch finden sich in dreieinhalbtausend Jahre alten Texten aus dem Niltal. Die Ägypter nutzten Weihrauch für den guten Geruch der Luft, für Salben und zur Wundbehandlung. Das römische Imperium war ein großer Abnehmer von Weihrauch. Hippokrates und andere griechisch-römische Ärzte setzten Weihrauch zur Wundreinigung, gegen Krankheiten der Atemwege und bei Verdauungsproblemen ein. Über die Wirkungsmechanismen war nichts bekannt, aber die praktischen Erfolge waren wohl zahlreich genug, dass das teure Mittel auch noch im Mittelalter als Medizin eingesetzt wurde, so auch von Hildegard von Bingen. Von der Antike über das Mittelalter bis ins 18. Jahrhunderts wurde Weihrauchharz als Pulver direkt oder als Heilpflaster-Zutat zur Behandlung von Wunden verwendet.
In der klassischen europäischen Naturheilkunde wurde der Weihrauch hauptsächlich zur Linderung von Rheumabeschwerden eingesetzt. So war Weihrauch noch 1850 zur inneren und äußeren und 1870 lediglich zur äußeren Anwendung in pharmakologischen Büchern zu finden.
Im indischen Ayurveda wird Weihrauch (Salai Guggal) bereits seit ca. 5000 Jahren volksheilkundlich verwendet, etwa bei Arthritis, Ischialgie, rheumatischen Erkrankungen oder bei Gelenk- und Muskelbeschwerden.
Die Entwicklung chemisch-synthetischer Arzneistoffe, vor allem in den Klassen der Antibiotika und Kortikoide, ließ Weihrauch als Arzneimittel in Vergessenheit geraten. Im Zuge der Rückbesinnung auf Naturheilmittel sowie der Förderung der Naturheilmittelforschung rückte auch Weihrauch wieder in den Fokus medizinischen Interesses. An der Universität Jena werden Zielstrukturen auf molekularer und zellulärer Ebene erforscht, um pharmakologische Wirkungen des Weihrauchs therapeutisch nutzbar zu machen. Erste klinische Studienergebnisse lassen eine Wirksamkeit von Weihrauchpräparaten bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa vermuten.
1991 fanden der Tübinger Pharmakologe Hermann Ammon und seine Mitarbeiter in dem Harz den entzündungshemmenden Wirkstoff Acetyl-11-keto-β-boswelliasäure (AKBA). Dieser greift in den Entzündungsprozess ein, indem er die Leukotrienbiosynthese reduziert. Nach einer 2012 erschienenen Studie aus dem Arbeitskreis von Oliver Werz (Universität Jena, früher Universität Tübingen) verringern Boswelliasäuren die Entzündungsreaktion, indem sie die Synthese von Prostaglandin E2 unterbinden. Prostaglandin E2 ist für die Vermittlung der Immunantwort zuständig. Boswelliasäuren hemmen das für dessen Synthese zuständige Enzym. Problematisch sei, dass sich Boswelliasäuren nur schwer synthetisch herstellen ließen; Weihrauchbäume als deren einzige natürliche Ressource seien in ihrem Bestand stark bedroht.
Incensol, ein weiterer Inhaltsstoff des Weihrauchharzes und im Weihrauch zu im Schnitt 2,7 % enthalten, zeigte im Tiermodell Effekte, die einer angstlösenden und antidepressiven Wirkung ähnlich waren. Eine antidepressive Wirkung des Incensols im menschlichen Gehirn wurde bislang nicht nachgewiesen.
Als Räucherwerk schwelend verbrannter Weihrauch enthält (genauso wie Tabakrauch) den krebserregenden Stoff Benzo[a]pyren.
Das ätherische Weihrauch-Öl wird mittels Wasserdampfdestillation aus dem Harz gewonnen. Seine Inhaltsstoffe sind zu 75 % Monoterpene, Sesquiterpene, Monoterpenole, Sesquiterpenole und Ketone. Arabisches Weihrauchöl hat einen vollen balsamischen und süßen Duft, während das indische Weihrauchöl frisch riecht. Die Parfümindustrie, die Weihrauchöl in Kosmetikprodukten und als Zugabe bei Arzneimitteln verwendet, beschreibt Weihrauchöl als „einen balsamisch-würzigen, leicht zitronigen und typischen Weihrauchduft mit leicht koniferigen und kienigen Untertönen“.
Informationen:
- wikipedia - engl. Frankincense -
Michael Pfeifer: Der Weihrauch - Geschichte, Bedeutung, Verwendung; Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 224 S. 3.Aufl., 2018
- Weihrauch – Die Weihrauchseite von Michael Pfeifer (incens.de) -
Lahrtz, S.: Weihrauch erlebt ein Comeback: Von der Anbetung des Göttlichen zum Beauty-Trend. NZZ 20.12.2025
Riechen: Die Nase - unsere heimliche Chefin.Publik Forum extra Nov 2022 - Miriam Staber: Rettet den Weihrauchbaum - Der Oman ist die Wiege des wertvollen Harzes (S.7.-9) (scan) Frans Bongers - Professor Uni Wageningen
Weihrauch in Gefahr? Überalterten Populationen der Boswellia-Bäume droht der Kollaps. Scinexx 03.07.2019 ⇔ Bongers, F., Groenendijk, P., Bekele, T. et al. Frankincense in peril. Nat Sustain 2, 602–610, https://doi.org/10.1038/s41893-019-0322-2 (01.07.2019)
Uhlenkamp, R.: Sie sammeln das weiße Gold - Schon seit Jahrtausenden wird im Oman Weihrauch geerntet, er gilt als der beste der Welt. Nomaden wandern oft kilometerweit, um ihn zu finden. Aber im modernen Golfstaat droht diese Tradition auszusterben. TAZ 21.12.204
Es gibt einige Briefmarken - hier - mit Bezug zu Weihrauch.