02/26/18

Algen als Lebensmittel

Algen, besonders Seetang, werden vor allem in Ostasien traditionell als Lebensmittel verzehrt. Je nach Art sind sie nahezu geschmacklos oder haben einen würzig-salzigen Geschmack. Zu den heute durch die japanische Küche auch in Europa bekannten Sorten gehören Kombu, Wakame und das für Sushi verwendete Nori.
Algen enthalten Kohlenhydrate und Proteine, die sich aber nur teilweise verdauen lassen. Dadurch und wegen ihres geringen Fettgehalts haben Algen nur einen geringen quantitativen Nährwert. Sie enthalten einen hohen Anteil an Mineralstoffen und Vitaminen. Aufgrund ihres teilweise sehr hohen Jodgehalts sollten Algen nur maßvoll verzehrt und bei Schilddrüsenüberfunktion gemieden werden. Ein hoher Jodgehalt wird überwiegend bei aus Asien importierten Algen festgestellt. Dort wachsen sie bis zu einem Jahr im Meerwasser, wodurch die Anreicherung zu erklären ist. Algen aus europäischer Zucht (zum Beispiel vor Sylt) werden nach drei bis vier Monaten geerntet.
Die asiatische Küche verwendet Algen häufig und vielseitig. Sie können gekocht, gebraten, gedämpft oder in Essig eingelegt werden, dienen als Gewürz oder Tee. Sie werden zu Salaten verarbeitet oder zu Suppen gegeben, dienen als Gemüsebeilage oder getrocknet als Snack.
Der Verzehr von Algen hat – zumindest in Asien – eine lange Tradition. Aus China ist er seit etwa 2500 v. Chr. überliefert; von dort wurde er in Japan, Korea und auf den Pazifikinseln übernommen.
Heute werden aus Zuchten jährlich weltweit zwischen acht und neun Millionen Tonnen geerntet, von denen ein Teil zu Viehfutter, Dünger oder Kosmetika verarbeitet wird. In Japan kommen pro Jahr etwa 300.000 Tonnen als Lebensmittel in den Handel. In China werden jährlich etwa drei Millionen Tonnen als gegartes Gemüse oder Suppe verzehrt.
In der europäischen Küche spielen Algen bis heute meist eine untergeordnete Rolle. Lediglich in Wales hat der Genuss von Algen eine lange Tradition. Unter der Bezeichnung „Laver Bread“ war das schwarze Brot aus dem Meer früher Nahrungsmittel der walisischen Bauern, heute ist es in vielfältiger Form in der walisischen Küche zu finden.(Triennale Fellbach 2016 ⇒ Künstler Dan Rees) Die Algen der Gattung Porphyra umbilicalis werden außerdem nach Frankreich, Holland und Luxemburg exportiert. In Frankreich und Irland werden jeweils jährlich bis zu 1000 t der Meeresalgen verzehrt.
Als Rohstoff für Lebensmittelzusätze wie Agar, Alginat und Carrageen sind sie für die Lebensmittelindustrie von großer Bedeutung. Aus Spanien kommen Algenprodukte für den Delikatessenmarkt. In den 1990er-Jahren entstand an der galicischen Küste im Rahmen des Projekts „Porto Muinos“ eine ökologisch verträgliche Algenproduktion. Algen und Algenprodukte wie Agar werden auch in der Molekularküche verwendet.

Neben dem Risiko der Iodüberversorgung gibt es weiter potentielle Gesundheitsgefahren. Grüne Spanalgen (Blaue oder blaugrüne Uralgen) sind Cyanobakterien. Bestimmte Stämme bilden Gifte, die das Nervensystem und die Leber schädigen können.
Als Lebensmittel werden vor allem folgende Arten genutzt:
- Braunalgen:
Cochayuyo (Durvillaea antarctica)
Riementang (Himanthalia elongata)
Fingertang (Laminaria digitata)
Kombu (Saccharina japonica und andere Saccharina-Arten)
Zuckertang (Saccharina latissima)
Wakame (Undaria pinnatifida)
- Rotalgen:
Flügeltang (Alaria esculenta)
Knorpeltang (Chondrus crispus)
Dilsea carnosa
Eucheuma-Arten
Kraussterntang (Mastocarpus stellatus)
Lappentang (Palmaria palmata)
Nabel-Purpurtang (Porphyra umbilicalis) und andere Purpurtange
Porphyra dioica
Pyropia columbina, in der chilenischen Küche viel verwendet als luche
Pyropia tenera, kultiviert für Nori
Pyropia yezoensis, kultiviert für Nori
- Grünalgen:
Scenedesmus
Meersalat (Ulva lactuca)
Ulva rigida
- Blaualgen sind Cyanobakterien:
Spirulina -
- Global Market Study on Spirulina Extract: Nutraceuticals Application Segment to Hold More Than 70% Market Share During 2017 - 2025. link  bei Persistance Market Research (Nov 2017) - link bei www.foodnavigator.com  30.04.2018
- Mikroalgen in Lebensmitteln: Spirulina als Eiweißlieferant? BZfE News 12.09.2018 + Algen (BZfE-link) + Algenarten (link)
- Grahl, S. et al.: Consumer-Oriented Product Development: The Conceptualization of Novel Food Products Based on Spirulina (Arthrospira platensis) and Resulting Consumer Expectations. Journal of Food Quality 2018, Article ID 1919482, 11 pages doi.org/10.1155/2018/1919482
- Grahl, S. et al.: Towards more sustainable meat alternatives: How technical parameters affect the sensory properties of extrusion products derived from soy and algae. J Cleaner Production 198: 962-917 (10.10.2018)

Spirulina-Alge im Test: Die Wahrheit über das "Superfood". Standard (Wien) 28.02.2019

- Pikaar, I. et al.: Decoupling Livestock from Land Use through Industrial Feed Production Pathways. Environ. Sci. Technol. DOI: 10.1021/acs.est.8b00216 (20.06.2018) (ref. Astronautenkost für Kühe <Kraftfutter aus mikrobieller Produktion> bild der wissenschaft 22.06.2018 )

Algen als Eiweißquelle wurden in den 1960ziger Jahren erforscht; z.B. maßgeblich durch Kohlenstoffbiologische Forschungsanstalt Dortmund  (H.Kraut; Söder, Pabst), bereits damals spielte der Aspekt der CO2 Reduktion eine Rolle (Industriestandort Ruhrgebiet).  (Die Zeit 27.02.1970)
Aus ökonomischen Gründen und gesundheitlichen Bedenken - hoher Kontaminsationsgrad, Umweltbelastungen wurde die Forschung nicht weiter verfolgt.
Seit wenigen Jahren wird erneut geprüft inwieweit Mikroalgen als Rohstoffquellen, Futter- und Nahrungsmittel genutzt werden können.

Informationen:
- wikipedia - engl. edible seaweed -

Forschungstrend - Algen statt Fleisch - www.esof.eu  Conference Manchester 23.-27.7.2016 -(Stuttgarter Zeitung 27.07.2016)
Die Mikroalge als grüne Fabrik. Stuttgarter Zeitung, 06.02.2017

Knies, J.M.: Algen und Algenprodukte als neuartige Lebensmittel. Ernährungsumschau Nr.2/2017, M84-M93

Schwerpunkt: Challenges and Perspectives of Microalgae Production. (Nahrung/Futtermittel/Bioenergie) Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis. 21 (1) Juli 2012 [komplettes Heft: pdf / 6.311 kb]
Das europäische Projekt EnAlgae (www.enalgae.eu ) untersucht verschiedene algenbasierten Prozessketten (Mikro- und Makroalgen) sowie geeignete Standorte für die Algenkultivierung mit dem Ziel auf diese Weise Biomasse zur Energiegewinnung zu erzeugen. Das ITAS übernimmt den Teil der Nachhaltigkeitsanalyse (link: www.itas.kit.edu ) (Bericht)

Neue Algenforschung in Jülich - idw-Pressemitteilung 16.05.2014
 (Anm.: gab es früher in den 1970iger Jahren schon einmal)
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. - www.fnr.de -
Am Forschungszentrum Jülich wurde das Algen-Science-Center eröffnet. Es wird dort eine Pilotanlage für die Erzeugung von Bio-Kerosin aus Mikroalgen entstehen.
Für die Erforschung von Mikroalgen als Energie- und Rohstoffquelle sprechen viele Gründe: Im Vergleich zu landwirtschaftlich erzeugten Pflanzen ist der Biomasseertrag sehr hoch, ebenso wie der Gehalt an wertvollen Inhaltsstoffen. Algenzuchtanlagen können auf Brachflächen oder ertragsschwächeren Böden installiert werden. Dadurch konkurrieren sie nicht oder weniger mit der Produktion von Lebens- und Futtermitteln. Mikroalgen als Ersatz fossiler Brennstoffe dienen neben dem Klima- natürlich auch dem Versorgungsschutz. Schließlich lässt sich die Mikroalgenzucht in landwirtschaftliche Produktionsprozesse integrieren, so ergeben sich zum Beispiel bei der Kopplung mit Biogasanlagen potenziell viele Synergieeffekte
(Pressemitteilung 16.05.2014 - www.fz-juelich.de )

Algen ante portas (B Watzl, MRI) - Forschungsfelder Nr.1 (2016)
- Grüner Ölrausch. (Algenforschung) - Null-Nummer www.oe-mag.de  - Juni 2016

Algentechnikum auf dem Ludwig Bölkow Campus in Ottobrunn eröffnet. Pressemitteilung der Technische Universität München (TUM) 13.10.2015
Effiziente Verfahren zur Produktion von Biokerosin und chemischen Wertstoffen. 150.000 Algenarten gibt es, so schätzen Wissenschaftler. Rund 5000 davon sind bisher ansatzweise charakterisiert. Doch nur etwa zehn Arten haben es bisher bis zu einer kommerziellen Nutzung gebracht. Das wollen die Forscher mit dem neuen Algentechnikum ändern. Hier sollen effiziente Verfahren zur Produktion von Biokerosin und chemischen Wertstoffen entwickelt werden.

Steiner, J.: Multitalent Mikroalge: gesund, grün, vielseitig. SWR2 Wissen 26.03.2018 (link) (Manuskript)

Rohstoff des 21. Jahrhunderts:  Lebensmittel von der Hauswand (Algen). Stuttg Ztg 30.08.2016
Lebensmittel von der Hauswand (Algen - urban Landwirtschaft) Tagesspiegel 18.07.2016

Algen: Genießbare Pflanzen aus dem Meer- MLR-BW 12/2017 - - Algen in der Küche verwenden. dpa-Meldung 06.02.2108 z.B. in Rhein-Zeitung + Münchner Merkur (asiatische Küche)- Algen: Kochen und backen mit der Trend-Zutat - dpa/tmn-Meldung 20.09.2017  (z.B. Rhein-Zeitung + Münchner Merkur) mit folgender Literatur:Lisette Kreischer, Marcel Schuttelaar: Algen. Das große Kochbuch, Umschau Verlag, 192 Seiten, 24,95 Euro, ISBN-13: 9783865288189.
Wie gesund sind Algen? Spiegel 30.08.2016

Infoseite "Algen" - Vegetarierbund (VEBU)
Risiken Jodgehalt in getrockneten Algen - BfR Nr.026/2007
AFA-Algen Nahrungsergänzungsmittel - BfR 23.09.2001
Bericht zur Lebensmittelsicherheit Algen - BfR Lebensmittel-Monitoring 2013
Gesundheitliche Risiken durch zu hohen Jodgehalt in getrockneten Algen. BfR-Stellungnahme 12.06.2007

Algen taugen auch als Schlankmacher. Die Welt 23.10.2010

Zeithistorisch:

Uwe Hommel: Erdoel für die Nahrung on morgen - BP-Kurier 1969_01, S.10- (Scan im Archiv)
Franzosen - die Feinschmecker - forschen nach Nahrung aus Erdöl; 1963 . VI.Welterdölkongress; Frankfurt/M; Anlage Lavera bei Marseille (Bau 1967) / 2.anlage in Grangemouth (Schottland)
UNO-Programm 1967 - "Feeding the expanding world population. Recommendations for International Action to avert the impending protein crisis"

Bärbel Schönfeld-Leber: Marine algae as human food in Hawaii, with notes on other Polynesian Islands. Ecol Food Nutr. 8(1) 47-59 (1979) (scan im Archiv)
Marine algae, also called seaweeds, have been consumed by numerous maritime peoples since antiquity. Although they have little importance in Western diet today, they remain an important food and in some cases a highly esteemed staple in eastern Asia and the Pacific islands. This paper discusses seaweed collection and uses in Hawaii and other areas of Polynesia. Most Polynesians collect seaweeds from a wide range of coastal habitats, thoroughly sort and clean them, and eat them either raw or cooked, mixed with vegetables, fish, or meat. Seaweeds may be preserved by salting. A crude type of seaweed cultivation has been practiced in Hawaii since ancient times. The importance of marine algae in Polynesian cultures is attested also in a variety of medicinal and ceremonial uses. 
Watson, AS: Aquaculture and Algae Culture - Processes and Products. Noyes Data Corporation; Park Ridge; NJ, 1979 (ref Ecol Food Nutr. 9:261 - 1980) (archiv)

Meffert, M.E., Pabst, W.: Über die Verwertbarkeit der Substanz von Scenedesmus obliquus als Eiweißquelle in Ratten-Bilanz-Versuchen. Nutr. Dieta 5: 235-254 (1963) (scan im Archiv)
Viel Streit um Eiweiß aus Algen. Die Zeit (20.04.1973)