04/04/14

Neolithische Revolution - Menschen können seßhaft werden

Die Einführung von Ackerbau und Viehzucht ist eine der großen Wegmarken der menschlichen Geschichte.(Mutationen der Menscheit - P.Bertaux). Sie entwickelte sich aus Jäger und Sammler Gesellschaften in verschiedenen Regionen.
Im Gebiet des „fruchtbaren Halbmondes“ (Mesopotamien, Syrien, Libanon, Palästina) fanden die umherstreifenden Menschengruppen nach der Eiszeit eine offene Waldlandschaft mit Eichen, Pistazien und Mandelbäumen. Es gab verschiedene Wildgetreide, Wildweizen, Wildes Einkorn (Triticum boeoticum) und Wilden Emmer (Triticum dicoccoides), sowie Wildgerste und wilde Roggenarten; außerdem die Hülsenfrüchte Linsen, Erbsen, Bohnen und Wicken. Das Nahrungsangebot begünstigte die Entwicklung von Ackerbau und Viehhaltung.
Nach derzeitiger Kenntnis entstand der Ackerbau weltweit dreimal unabhängig voneinander: im Fruchtbaren Halbmond, in Südchina sowie in Mittelamerika.
Dieser Prozess begann weit vor dem 10. Jahrtausend v. Chr.  Im Jahre 2009 entdeckten Forscher bei Bab edh-Dhra in Jordanien 11.000 Jahre alte Gebäude, die als Kornspeicher angesehen werden.

Mit dem Aufkommen produzierender Wirtschaftsweisen (Ackerbau, Viehzucht) und die Vorratshaltung Beginn des Neolithikum (Jungsteinzeit) war es möglich feste Siedlungsplätze anzulegen. So wandelt sich die Lebens- und Gesellschaftsformen grundsätzlich. Damals wurden die Grundlagen unserer heutigen Kultur gelegt; das betrifft alle Lebensbereiche. So bestehnt die Bezeichnung Neolithische Revolution, die 1936 von Vere Gordon Childe eingeführt wurde, zu recht. Zwischen den verschiedenen „Erfindungen“ wie Sesshaftigkeit, Keramik, erste Tier- und Pflanzenzucht liegen rund 5000 Jahre, das ist mit sozialen Revolutionen eine lange Zeit, doch kurz im Vergleich zur sehr lange Periode der Alt- und Mittelsteinzeit von mindestens 2,5 Millionen Jahren (0,2%).
Von diesen Keimzentren aus wurde er durch Landnahme oder soziale Prozesse verbreitet. Jedoch ist die Forschung dazu nicht abgeschlossen.

Es gibt verschiedene Theorien darüber, welche Faktoren zur so genannten Neolithischen Revolution geführt haben. Ursprünglich vermutet die Wissenschaftler,  dass die neue Lebensweise für das Überleben Vorteile erbrachte, z.B. für mehr Nahrungssicherheit sorgte. Heute wird die Notsituation ("Not macht erfinderisch") nicht als Anlass gesehen. 
Als eine wesentliche Ursache für den Beginn des Ackerbaus und der Vorratshaltung im Vorderen Orient gilt der Klimawandel zu Beginn der Warmzeit vor rund 11.500 Jahren. War bis dahin das Nahrungsangebot ganzjährig auf dem Level jägerischer Nutzung, so gab es jetzt in der feuchten Winter- und Frühjahrszeit ein reicheres Nahrungsangebot (Wildgetreide, Pistazien etc.), in der anderen dagegen fast keines. Das Sammeln von Vorräten für die Trockenzeit im Sommer war erforderlich und wurde offensichtlich praktiziert. Da es eine ungekannte Sicherheit der Ernährung bot, wurde Getreide angeblich schon sehr bald außerhalb seines natürlichen Verbreitungsgebiets angebaut. 1500 bis 2000 Jahre lang konnte die Bevölkerung in der Levante den Forschern zufolge ihren Fleischbedarf noch durch die Gazellenjagd decken. Zeugnisse dafür sind die Tierknochenanalysen in den Siedlungen sowie die „Wüstendrachen“ genannten Fanganlagen, in denen Herden zusammengetrieben und geschlachtet wurden. Erst vor ca. 10.000 Jahren brachen die Gazellenbestände zusammen, und es erfolgte als Ausgleich die Domestikation von Schaf, Ziege, Rind und Schwein. Dieses Zeitgerüst stimmt insofern nicht, als das menschenleere Zypern spätestens 8.300 v. Chr. mit domestizierten Großsäugern besiedelt wurde. Eine primäre Neolithisierung ist auch in anderen Weltregionen wie Südindien, China, Süd- und Mittelamerika nachzuweisen.
Die weitere Ausbereitung von "Ackerbau und Viehzucht" (Neolithisierung) erfolgte durch Wanderbewegungen; die Neolithisierung in Mitteleuropa erfolgte um 5500 v. Chr. 

Es gilt als belegt, dass sich die Landwirtschaft im Neolithikum in allen klimatisch günstigeren Regionen mit reichhaltigen Ressourcen entwickelte, während die Menschen in extrem kalten, heißen oder trockenen Gebieten zur Viehhaltung übergingen und nur dort, wo dies auch nicht möglich war, weiterhin als Jäger und Sammler lebten. Dass der Ackerbau und die Sesshaftigkeit eine Anpassung an die Umweltbedingungen darstellten, wird unter anderem durch wissenschaftliche Befunde zur so genannten Vra-Kultur im Osten Schwedens gestützt, die dort um 4000 v. Chr. als Bauerngesellschaft entstand. Als sich 1000 Jahre später das Klima veränderte und es wieder mehr Fische und Robben in der Ostsee gab, gaben sie die Landwirtschaft auf und kehrten zur Lebensweise als Jäger und Fischer zurück. Dies gilt als Beleg dafür, dass menschliche Populationen (anders als tierische) einem Klimawandel nicht auswichen, sondern - vor Ort bleibend - zu neuen Lebensweisen gelangten.

Erkenntnisse der Populationsgenetik erlauben in jüngster Zeit konkretere Aussagen zur Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht durch Wanderungsbewegungen, denn auch bei Skeletten lässt sich die DNA bestimmen. Im Jahr 2000 analysierte ein Forscherteam aus diesem Grund die DNA von 1000 Männern aus Europa und dem Nahen Osten; die entscheidenden gemeinsamen oder unterscheidenden Merkmale, die Rückschlüsse auf gemeinsame Vorfahren und deren Datierung erlauben, werden genetische Marker genannt. Das Ergebnis: Etwa 20 % der europäischen Y-Chromosomen stammen von neolithischen Einwanderern aus dem Nahen Osten. Der Populationsgenetiker Spencer Wells hält es für wahrscheinlich, dass diese den Ackerbau nach Europa und in die Mittelmeerregion brachten, es sich also nicht um eine unabhängige Entwicklung handelte.
Unabhängig vom Nahen Osten scheint sich die Landwirtschaft in Asien entwickelt und ausgebreitet zu haben. In Nordchina wurde Ausgrabungen zufolge wesentlich später als in der Levante, etwa 7000 Jahre v. Chr. erstmals in größerem Umfang Hirse angebaut, in Zentralchina außerdem Reis. 2000 Jahre später gab es auch Reisanbau in Südchina, um 3500 v. Chr. dann auf Taiwan, um 2000 v. Chr. auf Borneo und Sumatra, 500 Jahre später auf anderen Inseln Indonesiens. Die genetischen Forschungsergebnisse zeigten, dass die neue Kultur durch Wanderungsbewegungen von China ausgehend weiterverbreitet wurde.

Der Wandel der Wirtschafts- und Lebensweise zu Beginn der neolithischen Ära wir allgemien als großer Fortschritt betrachtet, da die Menschen durch die landwirtschaftliche Produktion allmählich unabhängig von den Schwankungen im natürlichen Angebot der gesammelten und erjagten Nahrung wurden. Die Ergebnisse der Paläoanthropologie belegen, dass die Bevölkerung nach der Einführung des Ackerbaus stark anwuchs; ihre Versorgung wäre durch Jagen und Sammeln allein wahrscheinlich nicht ausreichend möglich gewesen. Der Feldanbau bedeutete jedoch auch die Konzentration auf wenige Nahrungsmittel und eine starke Abhängigkeit von der Ernte, die wiederum vom Wetter beeinflusst wurde. Die Sesshaftigkeit der Ackerbauern verhinderte rasche Ortswechsel bei Klimaschwankungen und begünstigte Hungersnöte. 
Die Skelettfunde aus dem Neolithikum belegen, dass die Körpergröße der Menschen in dieser Phase deutlich abnahm, was Rückschlüsse auf ihren Ernährungsstatus zulässt (Nutritional Anthropologie). Die Lebenserwartung sank deutlich im Vergleich zum Paläolithikum. Nachweislich erkrankten wesentlich mehr Menschen als vorher, vor allem an Infektionen. Die meisten dürften durch häufigen und engen Kontakt mit Vieh nach Einführung der Viehzucht entstanden sein; innerhalb größerer Populationen vermehren sich die Erreger und sterben nicht aus wie in kleinen Gruppen. Masern sollen ihren Ursprung in der Rinderpest haben. 
Eine andere Folge der Sesshaftigkeit war die Entstehung von sozialen Schichten, während es bei Jägern und Sammlern nur einen Gruppenführer gibt. Dass mit der Bevorratung von Nahrung und Saatgut und (später) von Viehherden eine Kapitalbildung vorlag, die ihrerseits den Raub lukrativ machen konnte und eine Vorkehr dagegen erzwang, ist nach Ansicht mancher Forscher durch die 11.500 Jahre alte Stadtmauer von Jericho nachgewiesen. Allgemein konnte man einander aufgrund des Sesshaftwerdens bei Konflikten nicht mehr ausweichen. Die Gesellschaft gliedert sich; soziale Beziehungen (Verwandschaftsstrukturen) (Erbrecht), die Eigentums-/Besitzverhältnisse, und Konfliktlösungsmechanismen verändern sich.

Informationen
- wikipedia - engl - neolithic revolution

 

Ausstellung: Vom Korn der frühen Jahre. Sieben Jahrtausende Ackerbau und Viehzuchtbis 01.11.2010 - www.federseemuseum.de

Nahezu unendliche Wälder prägten vor 7000 Jahren die Landschaft Südwestdeutschlands. Nur an wenigen Stellen war diese unwegsame Wildnis von kleinen "kultivierten" Inseln durchbrochen - die ersten Eingriffe des Menschen in eine bis dahin ursprüngliche Naturlandschaft. Doch nach und nach wurde diese, den menschlichen Bedürfnissen entsprechend, durchgreifend und unumkehrbar neu gestaltet. Rodungen und Viehtrieb veränderten das Waldbild, Bodenerosionen führten daraufhin zur Auffüllung von Tälern und auf den freien Flächen breiteten sich lichtliebende Pflanzen aus.
Auf den jungsteinzeitlichen Feldern gediehen Emmer und Einkorn; daneben sicherten Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen sowie Öl- und Faserpflanzen eine weitgehend ausgewogene Ernährung. Zunehmend wurde der Mensch zum "Selbstversorger" - die Produktion der Lebensmittel lag von nun an in eigenen Händen, behaftet mit allen Vorteilen und Risiken.
Die Sonderausstellung "Vom Korn der frühen Jahre" zeigt die eng miteinander verflochtene Geschichte von Ackerbau und Viehhaltung und die Entwicklung unserer Kulturlandschaft von der Jungsteinzeit bis zur frühen Neuzeit, Ein informativer Ausstellungskatalog im Format 16,6 x 24cm, 102 Seiten, reich bebildert und durchgängig farbig, ist im Federseemuseum zum Preis von 5,- EUR erhältlich. Ausstellung wat auch in Karlsruhe - Naturkundemuseum (Flyer)

Die Jägerin und der Sammler (Geschlechterbilder in der Steinzeit) - SWR2 Wissen, 22.01.2016

Leipe, C. et al.: Barley (Hordeum vulgare) in the Okhotsk culture (5th–10th century AD) of northern Japan and the role of cultivated plants in hunter–gatherer economies. PLOS 0ne  doi.org/10.1371/journal.pone.0174397  (29.03.2017)

Bier-vor-Brot-Hypothese vom amerikanischen Anthropologen S.Katz: Zugang zum Genußmittel Bier (Alkohol) war für Menschen attraktiver als bessere Bereitstellung von Brot durch die Kultivierung von Getreide.
Katz, S.H., Voigt, M.M.: Bread and Beer: The Early Use of Cereals in the Human Diet. Expedition 28(2):23–34 (1986).
Katz, S.H.: An evolutionary theory of cuisine. Human Nature 1(3) 233-259  doi.org/10.1007/BF02733985  (Sep 1990) (ref. Does Civilzation owe a debt to beer? New York Times 23.03.1987 / Beer Domesticated Man. Early man chose pints over pastry. Nautilus 19.12.2013-
  https://www.nytimes.com/1987/03/24/science/does-civilization-owe-a-debt-to-beer.html

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