Genuß und Ernährungsverhalten

Genuss ist eine positive Sinnesempfindung, die mit körperlichem und/oder geistigem Wohlbehagen (wellness) verbunden ist. Beim Genießen wird mindestens ein Sinnesorgan erregt. Bei kulinarischen Genüssen, zum Beispiel als Bestandteil der Ess- und Trinkkultur, sind es die Geschmacksorgane (Mund, Nase); bei geistigen Genüssen wie das Hören von Musik - die Ohren; oder das Lesen interessanter Lektüre, Anschauen von kulturellen Genüssen - die Augen; sowie  sowie bei körperlichen Genüssen (Massage, Sexualität) des Tastsinn (Hände). Essen ist mit allen Sinnen verbunden.

Am häufigsten wird der Begriff im Zusammenhang mit Essen und Trinken verwendet. Zu den Genußmitteln zählen Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao, Tabakwaren und alkoholische Getränke. Hier sind psychotrope Substanzen mehr oder weniger stark am Zustandekommen des Genusserlebnisses beteiligt.

Der kulinarische Genießer wird oft als Feinschmecker oder Gourmet bezeichnet. ⇒  Kulinaristik als Teil der Ernährungskulturwissenschaft.
Was als Genuss empfunden wird, ist subjektiv und damit individuell unterschiedlich. Voraussetzung ist die Genussfähigkeit. Dem Bejahen des Genusses durch den Genießer steht die Lebenshaltung der Askese entgegen, bei der es um Verzicht geht und Genuss gezielt vermieden wird.
Auer, R., Kofahl, D.: Nutritive Genussaskese - Ein Beitrag über kulinarische Entschleunigung und Verzicht. Epikur-Journal Nr.1/2018
Obgleich der Genuss individuell erlebt wird, kann man dennoch kulturelle und soziale Unterschiede feststellen.
Epikur gilt als Begründer einer Philosophie des Genusses, des Epikureismus, dessen Lebensziel ein „lustvolles Leben“ war.   (Gastroposophie - Epikur-Journal)

Ein Gegenbegriff zum „Genuss“ im Zusammenhang mit Essen ist Ekel (Abscheu, Aversion). Was keinen Genuss bereitet, ohne abzustoßen, gilt z. B. als fade oder neutral. Als ungenießbar wird ein Nahrungsmittel bezeichnet, das dem Genuss so stark widerspricht, dass man es vermeidet.
Ekel gehört zu den Basisemotionen. Valerie Curtis (London School Hyg Trop Med) forscht zu interkulturellen Phänomenen im Bereich Ekel und Hygiene. z.B. Curtis, V. et al.: (2011) Disgust as an adaptive system for disease avoidance behaviour. Philosophical transactions of the Royal Society of London Series B, Biological sciences, 366 (1563). pp. 389-401. ISSN 0962-8436 DOI: 10.1098/rstb.2010.0117 (2011) - (Ekel-Forschung Die Zeit 17.06.2014 ) 
Schienle, A., Stark, D., Vaitl, D. et al. (Uni Giessen): Ekelempfindlichkeit: ein Vulnerabilitätsfaktor für essgestörtes Verhalten. Z.klin.Psychol.Psychotherp. 32: 295-302 (2003)
Ruby,M.B., Rozin,P.: Disgust, sushi consumption, and other predictors of acceptance of insects as food by Americans and Indians. Food Quality and Preference 74: 155-162 doi.org/10.1016/j.foodqual.2019.01.013 (Juni 2019)
Es gibt im deutschsprachigen Raum nur wenige wissenschaftliche Publikationen, die sich mit dem Thema Genuss beschäftigen, obwohl es in Nürnberg sogar ein Institut für Genussforschung gab/gibt ? ( Gründer Reinhold Bergler) (s.u. Buch: Genuß und Gesundheit)
(Breuer, I.: Das ist ja ekelhaft. SWR2 Wissen 01.09.2016 - download Manuskript)
Vogelspinne, gegrillt. (Laos) TAZ 06.04.2019

Curtis, V., Barra, M. de: The structure and function of pathogen disgust. Philo Transact Roy Soc B Biol Sci DOI: 10.1098/rstb.2017.0208 (04.06.2018)  ⇔ Lob dem Ekel:  Ekel dient in erster Linie dazu, Infektionen zu vermeiden. Südd Ztg 19.06.2018
- Ekel-Museum - „Disgusting Food Museum“, https://disgustingfoodmuseum.com (in Malmö, Schweden) (in Los Angeles)  (ref. Stern 12.10.2018 +  Südd Ztg 14.11.2018)

Bislang ist nicht ausreichend erforscht, ob Genussfähigkeit angeboren oder erworben ist. In der Psychologie gibt es die Theorie des Lustprinzips, die auf Sigmund Freud zurückgeht, wonach bereits der Säugling nach Lust strebt und versucht, Unlustgefühle zu vermeiden. Doch das differenzierte Genussverhalten wird sozial erlernt und durch die Familie und das gesamte Umfeld beeinflusst, auch noch im Erwachsenenalter.  Ein Viertel der Erwachsenen (in Deutschland) sind nicht genußfähig.

Genussfähigkeit (Hedonismus) kann auch verloren gehen. Aus der Psychiatrie ist bekannt, dass schwere Depressionen begleitet werden von einer ausgeprägten Genussunfähigkeit, also auch dem Verlust der Fähigkeit, sich an irgendetwas zu erfreuen oder Vergnügen zu empfinden (Anhedonie).
Oft ist die Rede von Genusssucht, vor allem bei Jugendlichen, womit de facto aber ein ständiges Verlangen nach neuen Reizen oder Reizsteigerung gemeint ist. Das entspricht nicht der eigentlichen Bedeutung des Begriffs Genuss.  (Gefahr von Genuss zur Sucht/Abhängigkeit)
Es gibt regionale Unterschiede - genußfähiger sind katholische Regionen z.B. im Rheinland; weniger genußfähig gelten Nord- und Ostdeutsche (Pietisten, Protestanten). Frauen sind genußfähiger als Männer.  (Kabarett - Jürgen Becker - Das My(üs)stische - link)
Generell wird Genuss mit der Fähigkeit zur Muße und zur Entspannung verknüpft (slow). Frauen entspannen sich beim Kaffeeklatsch, bei Wellness-Angeboten und beim Einkaufen, Männer dagegen im Fußballstadion, beim Sport oder in der Kneipe. Als wichtigste Alltagsgenüsse bezeichneten Frauen das Kaffeetrinken und „Nichtstun“; Männer hören am liebsten Musik oder gehen essen. Es gibt vier verschiedene Genusstypen gibt: die so genannten Couchgenießer (36 %), die Geschmacksgenießer (27 %), die Erlebnisgenießer (17 %) und die Alltagsgenießer (17 %). Genussbarometer - link -

Informationen
- Wikipedia -engl. pleasure -
- Ekel (Wikipedia - Artikel des Tages 19.03.2019) - engl. Disgust -

Hanni Rützler - Genusskultur morgen - link, 02.10.2013 - bei www.wko.at
Christoph Wagner: Genuss zwischen Mode und Tradition - 5 Thesen zum Thema Hedonismus (download bei - www.speissing.net )

Reinhold Bergler, Tanja Hoff: Genuss und Gesundheit. Psychologische Bedeutungen von Genuss und Kultur. Kölner Universitas-Verlag, Köln 2002

Gisèle Harrus-Révidi: Die Kunst des Genießens. Eßkultur und Lebenslust (Psychoanalyse de la gourmandise, 1994). Verlag Artemis & Winkler, 1996,  (im Archiv) (OLT - Besprechung in bdw 2/1997)
Notizen: Psychoanalyse der Völlerei (ist der Originaltitel); 
Bedeutung des Mundes; Essen ist mit allen Sinnen verknüpft.
(Mund - Sprache; Sexualität)
Wer lernte, differenziert zu schmecken (Sinne zu nutzen), der kann sich auch differenzierter ausdrücken (Sprachkultur - Weinsprache - Eßkultur).
Bedenklicher Aspekt der modernen Zeit - Fertignahrung - Einheitsgeschmack - wenig Eigenschaftsworte - wichtiger der Name der Marke.
(link zu Kochen - Essen macht Sinn(e) - Chart: Kochen macht Sinne)
Frederic Lange - Essen hat bezug zur
- Welt - nimmt Bestandteile von aussen auf, macht sie sich zu eigen
- Zeit - Mahlzeiten
- Sichselbst (Narzißmus) - isst Fleisch - dem eigenen sehr ähnlich
- Psychopathologie - beim Essen kann man sich selbst und andere vergessen
- Religion (Gott) - analog Abendmahl
(F.Lange: Manger, ou les jeux et les creux du plat. Le Seuil, Paris, 1975)
Kapitel - Wörter des Geschmacks und Geschmack der Wörter
Die Nahrung hilft die Kinder formen; den Geschmack; das Hören (wie Essen Geräusche macht); Riechen; Fühlen, Bezug zu anderen Menschen; Regeln lernen - eßbar - nicht eßbar; nicht in Mund nehmen; viele (kleine) Unterschiede - notwendig differenzierte Beschreibungen und Wörter;
jede Gruppe (z.B. Juden); jede Zeit hat ihre eigenen Nahrungsregeln (Nahrungscodes) (z.B.koschere Nahrung); auch manche Ernährungslehren heute - wie neue Religionen - Gebote und Verbote (Scharlatane; Gurus)
Moderne Nahrungsmittelerzeugung ist für die meisten Menschen unbekannt (ist nicht mehr sichtbar) - Supermarkt - Ort mit NIEO - nicht-identifizierbares eßbares Objekt. (früher: Getreidfeld - Mühle - Bäcker - alle in Sichtweite - im Dorf; heute Agribusiness - Fabriken)
frühere Lebensmittelversorgung von (Agrar)Raum und Zeit (Saison) abhängig; industrielle Entwicklung (Haltbarmachung; Logistik) - gleiches Essen an jedem Ort zu jeder Zeit;  (erntefrisch - oder TK-frisch)
Bedürfnis-Befriedigung - Zeit (warten) - sofort - instant
Temperatur - früher Kälte - Tod; Warm - Leben; bei Lebensmittel heute gerade umgekehrt
industriell erzeugte Nahrung - symbolisch - erstarrtes Leben; Lebensmittel sind haltbar (Altern, Tod- verdrämng)
Lebensmittel heute stark mit Informationen verbunden; Bilder (Verpackung, Werbung); oraler Trieb konkuriert mit Seh-Trieb (Bildfresser - Telephage) - mechanische Nahrungsaufnahme - Film - Moderne Zeiten - Charlie Chaplin
Teller: das Revier der Oralität - zeigt unseren Anteil am Essen, das "Stück Welt" das wir haben
Die Welt der Eltern: Milch (Frau) und Fleisch (Mann)
Muttermilch - gebleichtes Blut; Exkrement des Körpers
Fleisch (Jagen; Kraft, Muskel)

Becker, Karin: Der Gourmand, der Bourgeois und der Romancier - die französische Esskultur in Literatur und Gesellschaft des bürgerlichen Zeitalters.  V. Klosterman, Frankfurt am Main, 2000 .  Dissertation - Uni Münster, 1999. (IAKE Mitteiluingen - Nr.10 - 2003)

 

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