Gemeindestudien sind sehr aufwendig (sind im Ernährungsbereich kaum vorkommend) und haben doch eine gewisse Tradition. So kann es als ein Forschungsprinzip in der Völkerkunde und Anthropologie angesehen werden, dass das Leben (einschl. Ernährung) einer Gemeinde als Gesamtes erfasst wird (z.B. durch teilnehmende Beobachtung über einen längeren/lange Zeitraum; man gehört quasi dazu).

Im sozial-empirischen Bereich gibt es einige klassische Beispiel, so die Marienthal-Studie (Österreich, Arbeitslosigkeit); in der Epidemiolohie kann die Framingham Studie ("Herz-Studie"; Nähe Boston/Mass; Harvard-University), und für die Marktforschung ist Hassloch/Pfalz (GfK Hassloch Behaviorscan) das exemplarische Beispiel

Marienthal -  http://agso.uni-graz.at/marienthal/
- http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal

The Framingham Heart Study--  http://www.framingham.com/heart/
- http://www.nhlbi.nih.gov/about/framingham/index.html
- http://www.framinghamheartstudy.org/
- http://en.wikipedia.org/wiki/Framingham_Heart_Study
- Wikipedia – zum Ort - http://en.wikipedia.org/wiki/Framingham
- http://de.wikipedia.org/wiki/Framingham-Herz-Studie

 

GfK BEHAVIORSCAN® - Hassloch -
- http://www.gfk.com/group/services/instruments_and_services/contact_dates/00141/index.de.html
- Haßloch als Testmarkt - http://de.wikipedia.org/wiki/Hassloch

 

EMSIG-Studie (war Durchführbarkeitsstudie - Plan - Gemeinde Studie - Herborn)

Dazu auch aus OLT134 - Übersicht 15 - Literaturzusammenstellung zu longitudonalen Studien, einschl Gemeindestudien

(auch in Entwicklungsländern - bekannte Studien in Guatemala (Incap, Village Study; Scrimshaw) , Indien (Narangwal), Gambia (Keneba)  (Evaluierung - link)

 

Gedanken zur Begründung der Anwendung von Gemeindestudien (Konzept eines Ernährungsmonitoring für Deutschland)

Die Erhebung sollte einerseits an repräsentativen Stichproben erfolgen (um ein Bild vom Ganzen zu erhalten), aber bei dem grossen Inhaltsbereich der Ernährung, und den vielen Dimensionen und Faktoren die damit in Verbindung stehen, können die großen nationalen Studien nicht repräsentativ für den Inhalt sein. Vieles im Ernährungssystem kann nicht rein quantitativ gemessen werden, es sind qualitative Beobachtungen notwendig. Dafür eigen sich Gemeinde-Studien besser. Hier ist der Untersuchungsraum (das empirische Feld) räumlich begrenzter, logistisch besser zu erfassen, und man kann inhaltlich tiefer das Untersuchungsmodell anlegen. Anzustreben ist eine Kombination von breiten ("oberflächlichen") nationalen Erhebungen und tiefer-gehenden Studien in typischen Gemeinden eines Landes. Die nationalen und regional-lokalen Studien sollten idealerweise aufeinander abgestimmt sein.

Solche Verbundstudien sind im Bereich Ernährung notwendig, weil der Umfang des Ernährungsverhaltensmodell es nicht zulässt alle Aspekte (Konstrukte) zu erheben. Es ist eine wichtige Aufgabe der empirischen Ernährungsforschung entsprechende Marker- oder Kerninformationen zu ermitteln (s.u.). Die notwendigen Informationen zum Ernährungsverhalten, also die Inhalte der Erhebungen zur Ernährungsberichterstattung umfassen die Handlungen der Verbraucher vom Einkauf, über Lagerungen, Zubereitung bis zum Verzehr. Wie handeln die verschiedenen Verbraucher (Typen) in den verschiedenen Situationen („Settings“) bei denen Lebensmittel und Essen beteiligt sind. Welche Informationen, Erfahrungen, Kenntnisse und Kompetenzen werden dabei jeweils eingesetzt; und welche persönlichen Ressourcen (Geld, Zeit) werden eingesetzt.

Bei repräsentativen nationalen Studien liegt der Schwerpunkt auf dem normalen und üblichen. In der Stichprobe sind Randgruppen (Arme, Reiche; Migranten; Behinderte, usw.) weniger vertreten, es werden besondere Verzehrssituationen meist ausgegrenzt (wie Urlaub, Tage des Unwohlseins, persönliche und andere „Feiertage“ usw.). Ebenso ist der Zeitausschnitt häufig relativ begrenzt (3-7 Tage Erhebungsdauer), so dass „normale“ Variationen weniger gut erfasst werden. Wichtige Inhalte nationaler Ernährungsstudien sind: Einkaufsgewohnheiten; Umgang mit Nahrungsmitteln im privaten Haushalt, wie Vorratshaltung; Zubereitungen (Rezepturen), Portionsgrössen und Verschwendung/Abfall. Sehr wichtig ist die Kenntnis zu Mahlzeiten (Zeit, Speisenfolge), da diese als die zentrale Variable des Ernährungsverhalten anzusehen sind. Es ist deshalb sehr interessant, dass seit 1999 die ZMP-Marktforschung ein spezielles Panel zu diesem Bereich, den „Verzehrs- und Convenience Monitor (VeCoM)“ etabliert hatte (www.zmp.de ).

Da ernährungsabhängige Erkrankungen in Zusammenhang mit anderen Lebensstilaspekten der Verbraucher stehen; sollten folgende Aspekte, die nicht unmittelbar Ernährung betreffen trotzdem berücksichtigt werden, das sind vor allem die körperliche Aktivität (z.B. durch Anknüpfung an Zeit-Budget-Erhebung) und das Sucht-Verhalten (Rauchen u.a.). Es muss auch ein Mindestmass an Ernährungsstatusindikatoren (z. B. anthropometrische Messungen) erfasst werden.

In den folgenden Bereichen des Ernährungsverhaltens sind mehr qualitative Fallstudien angemessen. Das Informations- und Entscheidungsverhalten von Verbraucher in bestimmten Situationen („settings“), wie beim Einkauf (point of sale); oder die Wahrnehmung der verschiedenen Verbraucherinformationen (wie z.B. Kennzeichen auf Verpackungen oder der Werbung) ist wichtig; denn daraus ergeben sich Ansatzpunkte für Ernährungsprogramme. Ebenso sollten Informationen darüber gewonnen werden, wie sich bei Klein- und Schulkindern die Ernährungskompetenz entwickelt; d.h. ihr Umgang mit dem Essen; welche Fähigkeiten sie erwerben; welche Geschmacksdifferenzierungen (Sinnesschulung) sie bei der Nahrungswahl zeigen. Hier erscheinen gemeinsame Untersuchungen zwischen Entwicklung des Ernährungsverhalten, der körperlichen Fähigkeiten („Körperbeherrschung“) und der geistigen Entwicklung („Lernfähigkeiten“) wichtig; denn aus den bisherigen Erkenntnissen zur „sensomotorischen Integration“ scheint sich der „alte“ Spruch, vom gesunden Geist im gesunden Körper zu bestätigen. Die Prävention im Kindesalter sollte diese Zusammenhänge unbedingt beachten.

 Gemeinde-Studie in Gaggenau: Forscher wollen Wege zum längeren Leben zeigen -  Südd. Ztg - 10.10.2016 - FAZ-Glosse 12.10.2016 (Pressemitteilung Ministerium für Kultur+Wissenschaft BW 10.10.2016)

 

„Social Capital im Umbruch europäischer Gesellschaften“ (z.B. Wittenberge, aber auch andere Gebiete - Verbundprojekt - longitudinal) www.ueberlebenimumbruch.de / (Informationen)