Beobachtung (engl.: Observation) - Lexikon-Einträge

1. Im Kontext der empirischen Sozialforschung versteht man unter Beobachtung einen spezifischen Zugang zu sozialen Phänomenen, bei dem Daten über die Untersuchungsobjekte nicht auf deren Auskunft beruhen (wie z.B. in der Befragung), sondern direkt durch den Forscher oder durch von ihm instruierte Personen erhoben werden. Die B. bezieht sich dabei im allgemeinen auf Verhaltens- , Handlungs- und Interaktionsformen, also auf overte, manifeste Phänomene. Gleichwohl spielt die Wahrnehmungs- und Aufnahmekapazität der ForscherInnen eine sehr wichtige Rolle.

Zu unterscheiden ist zunächst zwischen der B. künstlich hergestellter Situationen und derjenigen 'natürlicher' Situationen, die nicht spezifisch auf den Forschungszweck hin arrangiert worden sind. Beispiele für den ersten Fall sind sozialpsychologische Experimente, etwa eigens arrangierte Gruppendiskussionen, deren Verlauf analysiert wird. Als Beispiel für die B. 'natürlicher' Situationen kann die Analyse von Gruppenstrukturen bei Jugendgangs gelten, wie sie von Whyte in der "Street Corner Society" vorgenommen wurde. 

Beobachtungsverfahren lassen sich weiter unterscheiden nach dem Grad der Standardisierung, dem die Protokollierung der Beobachtungen unterworfen ist. In den oben erwähnten experimentellen Settings, aber durchaus auch in 'natürlichen' Situationen wie etwa Klassenzimmern, Gerichtssälen usw. kommen häufig standardisierte, detaillierte und spezialisierte Codierschemata zum Einsatz, in die die beobachtende Person Einträge macht (bspw. über die Art, Häufigkeit und Länge der Beteiligung einzelner Personen am Gruppengeschehen). Es wird also vor der Untersuchung festgelegt, was beobachtet werden soll, d.h. was im Hinblick auf die Forschungsfragestellung wichtig erscheint. 

In diesem Kontext der standardisierten B. ist dann näher zu unterscheiden zwischen Erhebungsverfahren, bei denen die einzelnen 'Handlungszüge' der Akteure erhoben werden, und solchen, bei denen summarische Beurteilungen ihres Handelns/Verhaltens mittels Rating-Verfahren vorgenommen werden (Cairns/Greene 1979, Poole et al. 1987). Weiterhin wird unterschieden, ob von vornherein nur bestimmte Phänomene (Verhaltensweisen, Eigenschaften etc.) erhoben werden sollen, oder ob der Anspruch besteht, alle Verhaltensweisen nach einen bestimmten Schema zu klassifizieren. (In ersterem Fall spricht man von einem "Zeichensystem", in letzterem von einem "Kategoriensystem"; diese Begriffe sind leider nicht sehr erhellend.) Das wohl bekannteste und auch heute noch gelegentlich gebrauchte Kategoriensystem wurde von Bales (1951) unter dem Namen "Interaction Process Analysis" veröffentlicht.

Der Grad der Vorstrukturierung der B. kann jedoch soweit abnehmen, dass zunächst gleichsam der Anspruch erhoben wird, 'alles' zu beobachten bzw. - weil dieser Anspruch selbstverständlich nicht einlösbar ist - aus dem untersuchten Phänomen heraus die wichtigen und festzuhaltenden Dimensionen der B. zu entwickeln. Dazu werden zunächst ausführliche schriftliche oder mündliche Protokolle der B.en angefertigt, die im Laufe der Untersuchung auf spezifische Dimensionen hin strukturiert werden (können).

Eine weitere Unterscheidung betrifft den Grad der Einbindung des Forschers oder der Forscherin in das Untersuchungsfeld. Man spricht von nicht-teilnehmender Beobachtung, wenn die ForscherInnen selbst nicht aktiver Bestandteil des Beobachtungsfeldes sind. Oft - gerade im Bereich der offenen B. in natürlichen Settings - ist B. aber nur durch eine mehr oder weniger aktive Teilnahme im Untersuchungsfeld möglich (teilnehmende B. (engl.: participant observation)). Ein besonderes moralisch-ethisches (aber auch methodisches) Problem ergibt sich ferner dadurch, dass entschieden und verantwortet werden muss, ob eine B. offen, d.h. mit Wissen und Zustimmung der Beobachteten, oder aber verdeckt, d.h. ohne deren Wissen erfolgt. Obwohl bei einer offenen B. von einer Reaktivität der Beobachteten auszugehen ist, wird eine verdeckte B. nur in sehr wenigen, ganz besonderen Fällen gerechtfertigt sein.

Als weitere wichtige Probleme gelten die methodische Kontrolle der Beobachtungsleistung (sehen die ForscherInnen nur, was sie sehen wollen?) und - bei der teilnehmenden B. - das sogenannte 'going native', d.h. eine Überidentifikation mit dem Untersuchungsfeld, die letztlich zum Verzicht auf wissenschaftiche Analyse führen kann. Das Kontrollproblem kann u.U. durch eine Ergänzung der B. durch andere Methoden der Datenerhebung reduziert werden. Vor allem empfiehlt sich nicht nur eine intensive (ggfalls Selbst-)Schulung der BeobachterInnen, sondern eine Überprüfung von Inter- und Intra-Rater-Reliabilität.

Haupteinsatzfeld der B. sind ethnologische oder ethnographische Analysen besonderer sozialer Gruppen oder Situationen.

Als Sonderfall der B. kann man schließlich die Erhebung von 'Spuren', die Handlungen hinterlassen, bezeichnen, wie sie im Rahmen der nicht-reaktiven Verfahren durchgeführt wird.

 Literatur:

 

* Grümer 1974

* Mees/Selg 1977

 

2. In der konstruktivistischen Erkenntnistheorie (insbesondere jener Spielart, die manchmal als "radikaler Konstruktivismus" bezeichnet wird), wird als B. der fundamentale Sachverhalt bezeichnet, dass Erkenntnisse immer von beobachtenden Subjekten erzeugt werden, dass es also keine beobachtungs-unabhängige Erkenntnis geben kann. In den Worten eines Experten:

 

"Kein Beobachter hat es mit der 'Realität an sich zu tun, sondern stets nur mit seiner 'selbsterzeugten Erfahrungswirklichkeit'.

'Objekte' sind keine Gegenstände in einer der Erkenntnis vorausliegenden Realität, sondern relativ stabile 'Eigenwerte' eines fortlaufenden Beobachtungsprozesses eines wirklichkeitserzeugenden Beobachters!

'Subjekte' sind keine den wirklichkeitserzeugenden Prozessen zugrunde liegenden Instanzen, sondern selbst per Beobachtungsoperationen generierte Konstrukte!"

(Bardmann 1997, S. 9.).
http://www.lrz-muenchen.de/ ~wlm/ein_voll.htm (Nicht mehr gültig - Juni 2014)

Beobachtungsmöglichkeiten nehmen rein IT-technisch zu (Problem - Privatsphäre) 
z.B. Ausspähung (Spionage) durch "Abhören" / auch Cookies im Internet / "Trojaner" (Spyware) / Drohnen usw; aber auch freiwillige Informationen in sozialen Netzwerken / immer mehr Gesundheitsinformationen durch "Selbstvermesser"
Lit.: Das Ende der Anonymität. Was Drohnen und Facebook verbindet. (Zygmunt Bauman im Gespräch mit David Lyon). Blätter für deutsche und internationale Politik. Nr.10; 2013- S.51-62  (website - Surveillance Study Centre; at Queens University, Kingston, Ontario, Canada)
Drohnen werden so klein, dass sie unsichtbar sind - (New York Times 19.06.2011); These days the web unmasks everyone - NYT - 20.06.2011)
IKEA-Prinzip, „Do-it-Yourself-Sklaverei“ in vielen Bereichen; so gibt es viele "Nutzer freundliche IT-Spielereien" sie helfen Konsumenten auszuspähen, fördern von öffentliche Selbstdarstellungen; Menschen wollen gesehen werden; der Konsument wird selbst zur Ware (daraus sind viele Rückschlüsse über das Verhalten von Menschen abzuleiten - Marketinginstrumente) 
UmweltKommunikationMedienInternet ua.  / ⇒ e@life

observation

1. The examination of behavior directly by an investigator or by persons who serve as observers. Usually the observed items of behavior are recorded, enumerated, or classified by the observer(s). Recording devices or other tools may be used to simplify this process. Observation of complex phenomena usually requires some degree of analysis, synthesis, or interpretation of the data. Observation hence is the systematic scientific process of recognizing and recording the behavior of people, objects, and events.

The danger in drawing conclusions from informal observation, as in the case of informal communication, is that the potential for both sampling and nonsampling errors is very large. Consequently, techniques for formal observation are designed to control these errors and provide valid data. The observation method has several advantages:

(1) it does not rely on the respondent's willingnes to provide the desired data;

(2) the potential bias caused by the interviewer and the interviewing process is reduced or eliminated. Therefore, observational data should be more accurate;

(3) certain types of data can be collected only by observation. Obviously, those behavior patterns of which the respondent is not aware can be recorded only by observation.

The observation method has one major weakness which significantly limits its use: the inability to observe such things as awareness, beliefs, feelings and preferences. In addition, it is difficult to observe a host of personal and intimate activities. Observational techniques can be classified five ways:

(a) Natural or contrived observation: Natural observation involves observing behavior as it takes place normally in the environment. Contrived observation involves creating an artificial environment and observing the behavior patterns exhibited by persons put in this environment. The advantage of a more natural environmental setting is the increased probability that the exhibited behavior will more accurately reflect true behavior patterns.

(b) Disguised or undisguised observation: Disguise refers to whether or not the respondents are aware they are being observed. The role of the observer should be disguised in situations where people would behave differently if they knew they were being observed. Various approaches such as two-way mirrors or hidden cameras can be used to disguise the observations. Researchers disagree as to how much the presence of the observer will affect people's behavior patterns. One position is that the observer effect is small and short-term, and the other is that the observer can introduce serious bias in the observed behavior patterns.

(c) Structured or unstructured observation: Structured observation is appropriate when the research problem has been clearly defined and the structured observation is specification of information needs permits a clear identification of the behavior patterns to be observed and measured. Unstructured observation is appropriate in situations where the research problem has yet to be formulated and a great deal of flexibility is needed in the observation to develop hypotheses useful in defining the problem and in identifying opportunities. Structured observation is more appropriate for conclusive research studies. When using the structured approach the researcher must specify in detail what is to be observed and how the measurements are to be recorded.

The structuring of the observation reduces the potential for observer bias and increases the reliability of the data. Unstructured observation is more appropriate for exploratory research studies. Here, the observer is free to monitor those behavior patterns which seem relevant to the situation. Since there is great opportunity for observer bias, the research findings should be treated as hypotheses to be tested with a conclusive research design.

(d) Direct or indirect observation: Direct observation refers to observing behavior as it actually occurs. Indirect observation refers to observing some record of past behavior. Here, the effects of behavior are observed rather than the behavior itself. The successful use of the indirect observation approach rests with the ability of the researcher to identify creatively those physical traces which can provide useful data for the problem at hand.

(e) Human or mechanical observation: In some situations it is appropriate to supplement or replace the human observer with some form of mechanical observer. The reason could be increased accuracy, lower costs, or special measurement requirements. The major mechanical devices used in observation include the motion picture camera, electronical recording devices, such as people meters, the psychogalvanometer, the eye-camera and the pupilometer.

2. The value of a variate for an element obtained through direct observation.

 

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