06/11/15

Zur Geschichte der Ernährungswissenschaft in Giessen

In Giessen wurde das erste Universitätsinstitut in der Bundesrepublik Deutschland, dessen Arbeit ausschließlich Fragen der Ernährung des Menschen gewidmet ist, nämlich das "Institut für Ernährungswissenschaft " im Februar 1951 durch einen Erlaß des Hessischen Ministers für Erziehung und Volksbildung gegründet. (Anm.: "dem eine Hauswirtschaftliche Abteilung angeschlossen wird." !!)
(Außerhalb der Universitäten, wie  "Reichsforschung" bzw. Ressortforschung; und Großforschungseinrichtungen, wie Max-Planck-Gesellschaft, gab es schon früher Ernährungsforschung; z.B. Dortmund und Karlsruhe)

Das Giessener Ernährungsinstitut war in der Medizinischen Fakultät angesiedelt, und erhielt als ein Provisorium zunächst einige Räumen in der Augenklinik. Nach dem Ausscheiden des ersten kornmissarischen Leiters (K.-H . Wagner) wurde es 1954 vorübergehend stillgelegt. (Anm.: Wagner war ein Schüler von C.A.Scheunert, der von 1946-1948 an der Universität Gießen in der Veterinärfakultät die Professur Veterinärphysiologie hatte, und später dann Direktor des DDR_Zentralinstituts für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke war.)
Am 01.November 1956 erhielt Prof. Dr.med. Hans-Diedrich Cremer  (⇒⇒ Cremer) den Ruf auf den Lehrstuhl für menschliche Ernährungslehre an der Justus-Liebig-Universität Giessen in der Humanmedizinischen Fakultät. Er baute das Institut auf und leitete es bis zu seiner Emeritierung 1975.
Aus den ersten provisorischen Räumen im Klinikumsgebiet wurde das Institut in der (Denkmal-geschützten) Villa Rinn, Wilhelmstr.20, eingerichtet (Umzug in die Villa 15.07.1957, ab 07.10.1958 Umbau in ein Institutsgebäude).
Einrichtung der Staatlichen Diätschule an der Medizinischen Klinik der Universität Gießen (01.10.1959) in Verbindung mit dem Ernährungsinstitut.
1962 begann die Kooperation mit der Landwirtschaftlichen Fakultät.
1964 wurde in Kooperation mit beiden Fakultäten der Studiengang "Haushalts- und Ernährunhswissenschaften" eingerichtet; Abschluß: Dipl. oec.troph). Im WS 1966/67 gab es insgesamt 72 Oekotrophologie Studenten.
(Cremer, H.D.: Hauswirtschafts- und Ernährungswissenschaften - ein neues Berufsfeld. Ernährungs-Umschau 1963, S.277-279
(23.01.1967, Verfügung vom Hessisches Kultusministerium  - offizieller Name- "Institut für Ernährungswissenschaft I"
Im Zuge der bundesweiten Hochschulreformen wurden auch in Hessen die Fakultäten in Fachbereiche aufgegliedert. (Sarg,C.:  Dissertation 2010).
So entstand der Fachbereich (FB) 19 -  "Ernährungswisssenschaften", sowie  der FB20 "Nahrungswirtschafts und Haushaltwissenschaften", und neben dem Lehrstuhlinhaber (Cremer), wurden weitere Professorenstellen geschaffen, es waren die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Cremer.
(Auszüge aus den Vorlesungsverzeichnissen:
im WS 1970/71 - waren die Ernährungsinstute noch in der Medizinischen Fakultät - Cremer der Ordinarius mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern
im WS 1971/72 - gab es den FB 19 Ernährungswissenschaft / die Zahl der Studierenden Oekotrophologen betrug 401.
- WS 1972/73WS 1973/74 - jeweils Personalverzeichnis)

(Persönliche Anmerkung: Dank dieser dynamischen Erweiterung der Hochschulen, erhielt ich sehr bald eine Dauerstelle - (19.09.1973); wäre ich 1-2 Jahre später nach Gießen gekommen, war dieses "Fenster" geschlossen. Die nächste dynamische Phase für die Ernährungswissenschaftler war die Zeit nach der Wiedervereinigung, vor allem westdeutsche Kollegen besetzten die neuen Stellen in den Neuen Bundesländern.  Andererseits wäre ich 1-2 Jahre früher nach Giessen gekommen, dann wäre ich damals bereits Professor geworden.)

(Anm. Die Agrarfakultät in Giessen sollte im Rahmen der Hochschulreformen der 1970iger Jahren aufgegeben werden, da der Bedarf bundesweit gesehen gedeckt war. Doch zum "Glück" erschien  in dieser Zeit die Umweltproblematik und so gab es dann statt Agrar den FB21 Umweltsicherung - also was ganz Neues - doch es war im Wesentlichen "alter Wein in neue Schläuche")

1975 wurde Cremer emeritiert. Sein Nachfolger wurde 1976 Prof. Dr.med. Werner Kübler, Pädiater, ein Schwabe von der Universität Kiel kommend. Mit ihm kam es zur Erweiterung des Instituts - Räume in der Goethestr.55.   (Arbeitsgruppen 1981 link)

1985 erfolgte die  Zusammenlung von FB19+20  zu FB19 "Ernährungs- und Haushaltswissenschaften"

Heute ist das Institut für Ernährungswissenschaft auf acht Professuren angewachsen, die sich mit ihren Mitarbeitern auf nunmehr vier Standorte verteilen.
Neben der ursprünglichen Professur für Ernährung des Menschen (Neuhäuser-Berthold) im Institutsgebäude in der Goethestrasse
befinden sich die Professuren für Ernährungsphysiologische Bewertung von Lebensmitteln (Kunz) und für Ernährung in Entwicklungsländern (Krawinkel) sowie die Arbeitsgruppe für Ernährungsökologie (in der Villa Rinn in der Wilhelmstraße.
Die Professuren für Biochemie der Ernährung (Becker), für Lebensmittelwissenschaft (Morlock) und für Molekulare Ernährungsforschung (Wenzel) sind in dem neuen Gebäude des Interdisziplinären Forschungszentrums untergebracht,
während die Professur für Ernährungsberatung und Verbraucherverhalten (Leonhäuser) ihren Sitz im Zeughaus hat.

1999 kam es zum Zusammenschluss mit dem Fachbereich Agrarwissenschaften zum Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement. 
Der Fachbereich war der erste in Deutschland, der die Modularisierung der Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor of Science (B.Sc.) u.a. in Ökotrophologie und Master of Science (M.Sc.) u.a. in Ernährungswissenschaft, Ernährungsökonomie und Haushaltswissenschaft einführte.  Ab dem WS 2007/08 wird neben dem Bachelor-Studiengang Ökotrophologie der Bachelor mit dem Abschluss Ernährungswissenschaften eingeführt.
(Anm.: Wenn man so will, ist damit die einmal erworbene Eigenständigkeit und das Alleinstellungsmerkmal der Giessener Oekotrophologie wieder abgewickelt  bzw. rückgängig gemacht worden. Die integrierte Interdisziplinarität wurde aufgegeben. So ist z.B. die Ernährungsökologie geschwächt,  statt gestärkt (Forderung von New Nutrition Sciences) und die
Ernährungsberatung (Leonhäuser-Stelle) wird wieder wie früher zusammen mit der Agrarberatung abgedeckt. Die eigentlich bereits "abgewickelte" Agrarfakultät ist wieder erblüht; und die Umweltsicherung nicht mehr hervorgehoben.

Informationsquellen:

(Meine Biographie - Tätigkeit in Giessen 1971-1991/ Archivsammlung)

Zehn Jahre Institut für Ernährungswissenschaft (1957-1967) (Eigenverlag) (Scan)

25 Jahre Institut für Ernährungswissenschaften 1982 (Broschüre) - darin die
Forschungsgebiete der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter (Stand - 01.10.1982)
Ehemaligen Mitarbeiter (1957-1982)
Liste der Habiliationen
Liste der Dissertationen

Rehner, G.: 50 Jahre Institut für Ernährungswissenschaft in Gießen - Spiegel der Forschung Nr.1/2007
(dabei auch Rehner Biographie)

Giessener Elektronische Bibliothek - website
Vorlesungsverzeichnisse - link  (vollständig zurück bis 1890) (in WS-Ausgaben vollständig mit Personal, Vorlesungen, usw.; Ausgaben im SS - nur die Vorlesungen).
- Schriftenreihe: Giessener Universitätsblätter - link (zurück bis Nr.1 im Jahr 1968)

- Schauder,W.:  Zur Geschichte der Veterinärmedizin an der Universität und der Justus-Liebig-Hochschule Gießen, 84 S. (download)

Finger, K.-H.: Die Agrar-, Haushalts- und Ernährungswissenschafte - Geschichte - Giessener Universitätsblätter  Nr.15, 1982, S.83-112(link)

Der "Stammbaum" der Personen, die als Cremer-Schüler gelten bzw. solchen die am Gießener Ernährunginstitut ihre Ausbildung erhielten - ist im folgenden Ordner zusammengestellt.  
 (Geschichte der Ernährungswissenschaft in Giessen, Jubiläumsveranstaltungen)  (link)

Ernährungswissenschaftliche Forschung in Giessen hat in  Justus von Liebig seine Wurzeln.
Cremer: Justus von Liebig und die Entwicklung der Ernährungswissenschaft. Gießener Universitätsblätter, Heft1, 1973, S.20-45 / (Datei im Archiv)
Feldheim, W. Justus von Liebig und die Entwicklung der Ernährungswissenschaft in Deutschland.  Giessener Universitätblätter FIII(1), Juli 1970, S.19-29 (Feldheim´s Antrittsvorlesung)
(Liebig - Wikipedia) (Ordner - Liebig)
Liebig-Museum in Giessen
Kröger,M. Gießener Pioniere der Wissenschaft. Universitäsblätter Nr.46/1993, S.29-40  (Anm. u.a. illustriert mit Briefmarken- Kekule, Röntgen)

Aus der Vorgeschichte der Gründung des Institutes für Ernährungswissenschaft ergaben sich (mir nicht detailiert bekannte) Gründe, die zur Klage von Scheunert´s Schüler Karl-Heinz Wagner gegen seine Nichtberufung führten, die insofern erfolgreich war, dass für Prof. Dr.med. K.-H.Wagner, das Institut für Ernährungswissenschaft II (1965-31.03.1979) eingerichtet wurde. Während dieses Zeitraums war Cremer´s Institut für Ernährungswissenschaft  das IfE I.
Wagner´s Institut machte sich durch Studien zu Schwermetall-Kontaminationen (z.B. Blei) (jedoch meist unrühmlich) bekannt.  ( Zeit, 20.04.1973) (Frank Rundschau Nov 1973)
(siehe auch: Stelte, W.: Der Schwermetallgehalt in Dosensuppen, Publikation IfEI 1981)

Abteilungen - Fachgebiete - Professoren am Ernährungsinstitut

- Ernährung des Menschen - Cremer - Kübler - heute Prof. Dr. M Neuhäuser-Berthold

- Lebensmittelchemie/ Lebensmittelkunde -  Professor Dr. Erich Menden
- Professor Dr. Irmgard Bisch

- Biochemie der Ernährung - Prof.Dr. Gertrud Rehner -  heute Prof. Dr Katja Becker - Biochemie und Molekularbiologie -

- Ernährungsökologie  (früher Leitzmann; Hoffmann; 2014 - kommisarisch besetzt) (link)

- Ernährung in Entwicklungsländern - (Geschichte ) - eingerichtet durch Cremer (+OLT) - erste Professur Prof.Dr. Claus Leitzmann - aktuell - Prof. Dr. Michael Krawinkel
(Leitzmann, Bellin - Publikation)

- Ernährungsberatung und Verbraucherverhalten - Prof.Dr. Ingrid-Ute Leonhäuser (am 05.12.2013 - 65.Geb)  (jetzt Jan 2015 - wie früher zusammen mit Argarberatung -  Prof. Dr Jasmin Godemann)


- Molekuläre Ernährungsforschung - Prof.  Uwe Wenzel
- Pathophysiologie des Stoffwechsels und Ernährungsmedizin - Prof.Dr. Thomas Linn
- Ernährungsphysiologische Bewertung von Lebensmiteln - Prof.Dr. Clemens Kunz
- Lebensmittelwissenschaften (früher Menden, Bitsch, Brückner) Prof.Dr. Gertrud Morlock

- Bromatologie und angewandte Diätetik (früher: Aign) - Dr. Sabine Schulz

Dissertationen - zugänglich

 Neuer Masterstudiengang Ökotrophologie - Uni Gießen (JLU Giessen Pressemeldung 11.12.2012)) (VDOe Position Nr.4_2013,S.33)  (05.09.2013) (Download - Broschüre)
Ernährungsökonomie (link)

Neben den Spezialfächern - wie - Ernährung in Entwicklungsländern und Ernährungsökologie
sind noch weitere Besonderheiten erwähnenswert
- Das breite Spektrum der Lehrveranstaltungen (Listen), dazu gab es für das Hauptstudium jedes Semester große gut besuchte Vorbesprechungen in der Aula.
- Es gab interessante Kooperationen mit anderen Fachbereichen (zumindest zeitweise), wie z.B.
- mit der Psychologie - Diehl - Ernährungspsychologie  - Dörner/Reither - komplexe Probleme - System-Simulationen
- mit der Agrarsoziologie - Bodenstedt - Ernährungssoziologie
- mit der Anthropologie - Kunter - Ernährungsanthropologie

Die regelmäßigen Kolloquien des Institutes (und des FB 19) schufen eine Plattform die aktuelle Forschung nicht nur des Institutes sondern auch nationale und internationale zu präsentieren.
(Listen im Archiv)
(z.B. Doktoranden-Kolloquium - Listen im Archiv - geben Forschungsaktivitäten des IfE an)

Das Institut hat für viele Jahre eine Dokumentationsstelle (Leitung Menden - Geschäftsführend: Eichner, später Roy Ackmann)

Dreifaches Jubiläum und Fachtagung in Gießen. HuW Nr.4/2012, S.165-67 / 85 Geb. Rosemarie von Schweitzer / 60 Geb Uta Meier-Gräwe / 50 Jahre Studiengang Ökotrophologie an der Universität Giessen.

 

 

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