Joos, Herbert (tp, flh, comp, ld, div. Instrumente), * 21.3.1940 Karlsruhe. Mit seinen fein pastellierten Klangbildern, in denen Herbert Joos vor allem ungewöhnliche Brass-Konstellationen wie beispielsweise Flügelhornchöre erprobt, hat sich der auch als Zeichner und Grafiker erfolgreiche Musiker in der Spitzengruppe europäischer Jazzkomponisten durchgesetzt. Als Trompeter und vor allem als Flügelhornist verfügt er über ausgereifte Technik, improvisatorische Phantasie und einen weichen, runden Ton mit Substanz. In seinen Kompositionen gleichen sich rasante Sätze mit statischen Klangblöcken aus, auf Platte vielfach realisiert im überspielten Dialog mit sich selbst. Joos: »Ich komponiere in erster Linie nicht musiktheoretisch, sondern gehe von einem Gesamtbild aus, das ich optisch vor Augen habe. Der grobe Aufbau, die Architektur, der Sound und die Stimmung, die ich ausdrücken möchte, sind zuerst da. Dann setze ich das Ganze in Noten um, und erst zum Schluss kommen die Details.«

Herbert Joos, der autodidaktisch und bei einem Privatlehrer Trompete gelernt, dann ab 1958 Kontrabass studiert hatte, begann im Modern Jazz Quintet Karlsruhe, das sich später unter seiner Leitung Four Men Only nannte. Bis 1973 spielte er mit dieser Formation einige Platten ein, zuletzt »Eight Science Fiction Stories« mit acht Eigenkompositionen, an die er stilistisch auch auf seinem ersten Soloalbum »The Philosophy Of The Flügelhorn« (1973) anknüpfte. Joos, der auch an Free Sound and Super Brass von Hans Koller und Wolfgang Dauner mitwirkte, agierte nun in wechselndem musikalischem Umfeld. Mit Streichern des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart nahm er seine Komposition »Daybreak« auf, mit seinem Oktett New Jazz Ensemble 1975 anlässlich einer Afrika-Tournee für das Goethe-Institut »Burning Flowers«, mit dem Bläsertrio Blow das Album »Blow«, mit Quartett die Platten »Ballad 1«, »Kerchak Suite« (1978) und »Fellicat« (1980), mit Joe Koinzer und Mathias Rüegg Duo-Alben (1980) und mit Hans Koller u.a. »Piece For Mouth«. Als Mitglied des Vienna Art Orchestra, Gastsolist, Solo-Attraktion und mit seinem Quartett besuchte Joos auch in den achtziger Jahren wieder eine Reihe von Festivals, darunter Köln, Zürich, Frankfurt und wiederholt Moers. Paul Schwarz (p), Jürgen Wuchner (b) und Joe Koinzer (dr) waren dabei ständige Mitglieder seines Quartetts, die beiden Letzteren auch Partner im Vienna Art Orchestra und der Band Part of Art, mit der Joos häufig auftritt und auch Platten einspielt, so »Moebius« (1981) und »Son Sauvage« (1983). Hinzu kamen Solo-Auftritte – gelegentlich unter Verwendung nun auch des Alphorns – mit Einspielung von Bändern mit konkreter Musik. 1984 entstand eine neue Solo-LP, 1985 das Album »Ochsenzoll« mit Michael Naura, Albert Mangelsdorff und Wolfgang Schlüter, 1987 »Cracked Mirrors« mit Harry Pepl und Jon Christensen und 1988 »Seven Movements« mit dem Eberhard Weber Orchestra. Er wurde 1984 mit dem Jazzpreis des Südwestfunks ausgezeichnet. Mit der von ihm initiierten Großformation Südpool nahm Joos u.a. seine »Yokohama Suite« auf. Mit diesem Ensemble, dem Vienna Art Orchestra und in Kooperation mit Orchestern arbeitete Joos auch in den neunziger Jahren regelmäßig. Es erschienen u.a. vier Folgen »Südpool Jazz Project«. Daneben schuf er als Grafiker viel beachtete Porträtserien in limitierten Auflagen über Chet Baker, Billie Holiday und Miles Davis. Jüngere Einspielungen sind »Ballade Noire« (1991), »Herbert Joos Plays Billie Holiday Songs« (1994), »Aspects« (1998), »Nature Way« (1999) mit Klaus Dickbauer, »Adagio« und »Ballads« (beide 2000). Anlässlich seines 60. Geburtstages veranstaltete der Südwestrundfunk 2000 in Karlsruhe ein prominent besetztes Konzert.

[Joos, Herbert. DB Sonderband: Jazz-Lexikon, S. 2771

(vgl. JL Bd. 1, S. 645 ff.)]

 

J.Wölfer: Jazz in Deutschland. Das Lexikon, Hannibal, 2008 S. 165