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04/04/14

Die "Jäger und Sammler"-Gesellschaftsform

Der Ausdruck "Jäger und Sammler" (auch: Wildbeuter = Jäger) bezeichnet Menschen oder Völker, die ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln wilder Pflanzen und die Jagd auf Wildtiere bestreiten. Das begann in der Steinzeit (Altpaläolithikum); Kennzeichen ist das erste Auftreten von Werkzeugen - sie waren aus Stein (vor ca. drei Millionen Jahren). (Symbol: Faustkeil)
Eine solche Lebensweise ist nur in kleinen Gruppen möglich. Drei Gruppengrößen waren weit verbreitet: Maximal acht Personen bildeten eine Großfamilie, fünfundzwanzig eine Jagdgruppe und etwa 200 Menschen umfasste die gesamte Gemeinschaft von Jägern und Sammlern. In der Mehrzahl bestehen Wildbeutergruppen aus weniger als 50 Menschen.  Die Gruppen waren in Kernfamilien gegliedert, die zu bestimmten Jahreszeiten getrennt auf Nahrungssuche gingen. Alle Gemeinschaften waren akephal (herrschaftsfrei) und zumeist segmentär (gleichrangige Klan-Linien). 
Unter den jüngeren (frühen) Jägern und Sammlern gab es eine erhebliche Uniformität der geschlechts- und altersbezogenen Arbeitsteilung.Die geschlechtliche Arbeitsteilung trat erst zum Beginn des Jungpaläolithikums (Jungsteinzeit; 40.000 vChr bis 10.000 vChr) auf. Die Neanderthaler etwa wiesen keine entsprechende Arbeitsteilung auf.
Unsere lieben Neandertaler – Ernährungsgeschichte - Le Monde diplomatique (Aug 2015 – im eTAZArchiv 14.08.2015)
Wichtiger Entwicklungschritt war die ⇒ Nutzbarmachung von Feuer (erste "Mutation" der Menschheit; P.Bertaux) vor ungefähr 700.000 Jahren oder noch früher.

Die Menschen sammelten, was die örtliche Natur hergab. Durch seine Fähigkeit, tierische und pflanzliche Nahrung verdauen zu können (Omnivore), steht dem Menschen ein breites Spektrum an Nahrungsquellen zur Verfügung. Gesammelt wurden Früchte, Nüsse, Samen, Wildgemüse, Kräuter, Wurzeln, Rhizome, Maden, bestimmte Insekten, Eier, Honig, Muscheln, Algen, Beeren, Pilze. Trotz der angedeuteten Vielfalt stand je nach Gebiet oft eine kleine Anzahl von Nahrungsquellen im Vordergrund. So waren in der europäischen Nacheiszeit (begonne vor 11.700 Jahren - Holozän) Haselnüsse ein zentraler Hauptbestandteil der Nahrung.
Um die gesammelten Nahrungsmittel zum Lager zu bringen und sie aufzubewahren, nutzten die Menschen zum Beispiel ausgehöhlte Kürbisse sowie Häute und Felle von erjagten Tieren. Sie begannen aber auch, aus Gras und Binsen Körbe und sonstige Behälter zu flechten und zu weben. Diese Techniken waren später bei der Inbesitznahme von Landstrichen außerhalb der Tropen nützlich, als man schützende und warme Bekleidung brauchte.
Im Gebiet des „fruchtbaren Halbmondes“ (Mesopotamien, Syrien, Libanon, Palästina) fanden die umherstreifenden Menschengruppen nach der Eiszeit eine offene Waldlandschaft mit Eichen, Pistazien und Mandelbäumen. Sie sammelten Pistazien und Mandeln, aber auch die nur dort heimischen Wildgetreide wie verschiedene wilde Weizensorten, etwa Wildes Einkorn (Triticum boeoticum) und Wilden Emmer (Triticum dicoccoides), sowie zum Beispiel Wildgerste und wilde Roggenarten. Außerdem fanden sich dort die Hülsenfrüchte Linsen, Erbsen, Bohnen und Wicken. Das Nahrungsangebot begünstigte die Entwicklung von Ackerbau und Viehhaltung (⇒ neolithische Revolution)

Das Jagen bestand in der ältesten Form in der Ausdauerjagd (Hetzjagd); dann entwickelten die Menschen Speere, Wurfhölzer, Schleudern, Pfeil und Bogen (einschl. Pflanzengifte), Fangnetze und Blasrohre.
In Wasser-nahen Lebensräumen (an Flüsse, See- und Meerküsten) gab es auch Fischfang.

Besonders lange hielt sich die Lebensform des Jagens und Sammelns in den polnahen Gebieten. Beispiele sind die sibirischen Völker der Unangan, die Itelmenen, die Ewenen (bis ins 17. Jahrhundert), die Inuit von der Tschuktschen-Halbinsel über Alaska bis Grönland und die athabaskischen sowie algonquianischen Indianerstämme Alaskas und Kanadas. Einige dieser Jägervölker züchteten Hunde für die Jagd und für Transportzwecke (Hundeschlitten).
In der Tundra und Taiga ist Ackerbau nicht möglich, so dass die ursprünglichen Bewohner reine Jäger und Sammler waren. In Eurasien entwickelte sich um 1000 v. Chr. aus der Rentierjagd der Rentier-Pastoralismus (z. B. bei den Korjaken, Tschuktschen, Nenzen und Samen). Erst relativ spät kam die Viehhaltung hinzu – von Pferden und anderen Tieren. Nur sehr wenige Menschen der nordischen Völker leben noch ausschließlich vom Jagen und Sammeln. Für sehr viele ist es jedoch nach wie vor ein wichtiger Nebenerwerb – sowohl zur Selbstversorgung als auch zum Verkauf von Pelzen und anderen Produkten

Marshall Sahlins bezeichnete die "Jäger und Sammler"-Kulturen der Tropen und Subtropen als „ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft", da sie in der Regel keinen Mangel litten und im Durchschnitt nur zwei bis fünf Stunden täglich für die Jagd, das Sammeln und die Nahrungszubereitung aufwenden mussten. (Zeitverwendung)

Ihre durchschnittliche Lebenserwartung betrug damals in etwa 30 Jahre.

Diese Form des menschlichen Lebens war bis zur neolitischen Revolution bestimmend.  Um 1500 lag ihr Anteil an der Weltbevölkerung noch bei rund einem Prozent. Heute leben vielleicht noch 50.000-60.000 Menschen auf diese Weise. Bei einigen dieser Völker (Stämme) ist zu beachten, dass sie nicht unbedingt urtümliche Jäger und Sammler sind, sondern in Gebiete vertrieben oder abgedrängt worden sind, in denen nur noch eine Wildbeuterwirtschaft möglich ist. Ein Beispiel sind die San (Buschmänner Südafrikas).
Weitere in Afrika
- Aweer (Kenia, Somalia)
- Hadza (Tansania) (Jelliffe, DB et al. The Children of the Hadza Hunters J.Pediatr. 1962, - link) (Oltersdorf-Collection)
- Okiek (Kenia) - Sengwer (Kenia)  - Yaaku (Kenia)
in Asien
- Andamaner (Indien)
- Mlabri (Thailand)
- Fayu und andere in West Papua / Neuguinea - Orang Kubu (Indonesien)
- Veddas in Sri Lanka Australien
in Australien
- Pintupi Nine eine Gruppe von Aborigines
in Südamerika
- Aché
- Yanomami

Der Übergang zur sesshaften Lebensweise beginnt in Kleinasien etwa 15–10.000 v. Chr. Das Zusammenleben verändert sich radikal durch die Einführung von Ackerbau und Viehhaltung, deshalb wird von der neolitischen Revolution gesprochen. In Süd- und Mitteleuropa fand dieser Übergang zwischen 7500 v. Chr. und 4000 v. Chr. statt. In Teilen Mittelamerikas geht man heute allgemein von der Zeit von 5100 v. Chr. bis 4200 v. Chr aus. 

Informationen
wikipedia - engl - Hunter-Gatherer

Zeittafeln

Planet-Wissen - Jagen und Sammeln -

Prendergast, M.E. et al.: Ancient DNA reveals a multistep spread of the first herders into sub-Saharan Africa, Science eaaw6275 DOI: 10.1126/science.aaw6275  (30.05.2019) ⇔ link bei www.eurekalert.org (30.05.2019)

Steinzeitliche Arbeitsteilung -  Die Jagdtechnik der Menschen hat sich während der Altsteinzeit kaum verändert – die Art, wie sie ihre Beute miteinander teilten, dagegen schon. Während sich vor 400.000 Jahren noch jeder selbst bediente, gab es Jahrtausende später Verantwortliche, die für das Zerteilen der Tiere zuständig waren. Davon zeugen die Essensreste, die in einer Höhle im heutigen Israel liegen geblieben waren. 
Die Qesem Höhle östlich von Tel Aviv war über Jahrtausende ein beliebtes Lager für Jäger, die dort das Fleisch von den Tierknochen trennten, um es anschließend über der Feuerstelle zu braten. Die Reste der Mahlzeiten wurden von Mary Stiner und ihrem Team von der University of Arizona untersucht. Dabei fanden die Forscher heraus, dass Menschen bereits in der frühen Altsteinzeit Auerochsen, Hirsche und Wildeschweine erlegten und in die Höhle brachten. Bisher hatten einige Wissenschaftler geglaubt, dass damals lediglich Aas als Fleischmahlzeit auf dem Speiseplan stand. Doch offensichtlich konnten es die Menschen schon damals ebenso mit großen Tieren aufnehmen wie ihre Nachfahren, die noch 200.000 Jahren später in der Höhle ein und ausgingen 
Allerdings zeigen die Werkzeugspuren an den Tierknochen, dass es bei den frühen Jägern noch keine bestimmten Regeln gab, was das Teilen der Beute innerhalb der Gruppe anging. Die vielen Kerben kreuz und quer über den Knochen lassen vermuten, dass sich jeder einfach selbst sein Stück herausschnitt. 
An den Knochen, die nur 200.000 Jahre alt sind, finden sich dagegen nur wenige Kerben, die überdies von präzisen Schnitten zeugen. Die Forscher schließen daraus, dass zu dieser Zeit das Verteilen der Nahrung zu einem Ritual geworden war, bei dem nur noch wenige Personen das Fleisch schnitten und weitergaben. Die übrigen Gruppenmitglieder hätten derweil Zeit gehabt, andere Arbeiten zu erledigen – der Beginn einer Aufgabenteilung innerhalb der Gemeinschaft. 
Lisa Leander - http://www.epoc.de/artikel/1004918 

Ernslander, F., Baur, A. (Hg): Jäger & Sammler in der zeitgenössischen Kunst. Wienand Verlag Köln 2014 - Katalog zu den Ausstellungen im Museum Morsbroich, 21.09.2014-11.01.2015, und der Villa Merkel, Esslingen/M 14.03.-17.05.2015

 

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