TYPO3 Musterprojekt - Thursday, 29. October 2020
Druckversion der Seite: 16 Ernährungssicherung historisch
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Historische Bezüge zwischen Ernährungssicherung und Gesellschaft

Die Sicherstellung der Grundbedürfnisse gehört seit Beginn der Evolution der Menschen zu den grundsätzlichen Aufgaben. Die Organisation der Nahrungs- bzw. Ernährungssicherheit zählt zu den Aufgaben der Ernährungspolitik (food and nutrition policy); und das ist ein Kapitel der Ernährungsgeschichte,

Ursprünglich mussten die Menschen ihre Tätigkeiten nach den Angeboten in der Natur („Urwelt“) ausrichten. Sie lebten in kleinen wandernden Gruppen ("Horden") dort, wo es Nahrung zu sammeln und zu jagen gab (Jäger und Sammler). Die Geschichte der Ernährung des Menschen ist geprägt davon, dass die mehr biologischen Reaktionen (Verhalten) ergänzt wurden mit erlernten Fähigkeiten die „Natur“ effektiver zu nutzen, zu kontrollieren und zu gestalten.  Aus ursprünglichen Landschaften wurden Kulturlandschaften (Argrarkultur) und aus "Natur(burschen)menschen" wurden zivilisierte Menschen (Elias) (Bilder: Wie lebten unsere Vorfahren) (s.unten - Daniel-Vorträge)

Drei wesentliche Entwicklungsepochen sind prägend, Pierre Bertaux hat dies in seinem gleichnamigen Buch "Die Mutationen der Menschheit" genannt.

Die Kontrolle des Feuers (vor 500.000-800.000 Jahren) erweiterte den Nahrungsraum des Menschen, rohes konnte gegart werden (erste Zubereitungen – Suppen und Grillen).

Die kontrollierte Nutzung von Pflanzen und TierenAckerbau und Viehzucht (neolithische Revolution) (vor ca 10.000 Jahren)

Die kontrollierte Nutzung von Energie, Energieumwandlungen als Voraussetzung der industriellen Revolution, die auch die Landwirtschaft und den Handel (Transport) erfasste (vor ca 200 Jahren).
(s OLT134-Kap1

Mit jeder „Mutation“ veränderten sich die gesellschaftlichen Strukturen von Mikro- bis Makroebene. Das kann in der Geschichte der Familien und Haushalte; Geschichte der Stadtentwicklung und der der Staaten nachgelesen werden.

Ackerbau und Viehzucht ermöglichte die Seßhaftigkeit (sedentism) von Menschen; größere Gemeinschaften konnten zusammenleben (Mesoebene); Arbeitsteilung und –organisation war notwendig; Erfindung und Nutzung von Geräten, Vorratseinrichtungen und Tauschbeziehungen (Regeln, Transportmittel und –wege) waren erforderlich. Die Erfahrungen, die an Andere weitergeben werden, mussten formalisiert werden („man muss sein Handwerk erlernen“), das bedeutete z.B. auch die Einführung von Schrift. Die Unterschiede zwischen den Menschen(gruppen) wurden ausgeprägt (Überfluss und Mangel; Habende und Habenichtse), Nahrungsunsicherheit (Naturkatastrophen, Mißernten) war „normal“ (sieben dürren und sieben fette Jahre).

Der Nahrungsspielraum wurde erst mit der industriellen Revolution deutlich größer. Die Grenzen des Bevölkerungswachstum (Malthus) wurden durch Entwicklungen der Agrar- und Lebensmitteltechnik (Düngung, Lebensmittelverarbeitung – Forschungsgeschichte; Milestones) deutlich ausgeweitet (Geschiche der Bevölkerungsentwicklung). Heute sind die Ungleichheiten der Lebensmittelprodutiion in Zeit (Saison) und Raum ausgeglichen. Für unsere Erdhälfte ist der Traum von Schlaraffenland wahr geworden (für die andere Hälfte nicht) und es zeigt sich, der Traum ist nicht „gesund“.

Parallel zur Veränderung im Ernährungssystem verändern sich die Landschaften und die Strukturen der Gesellschaft auf allen Ebenen. Die Mikroebene, die Haushalte, hat seine eigene Geschichte. So war der Haushalt der Antike (gr. oikos) eine Einheit der Daseinsvorsorge. Es waren Selbstversorger (Subsistenz-Wirtschaft). Es waren Großfamilien mit erweiterten Familienverband (Dienstpersonal, Sklaven, Knechte, Mägde, usw) (extended family). Es waren ländliche Haushalte im ursprünglichen Sinn; jegliche Aktivitäten des Lebensunterhaltes fanden unter einem Dach, im Haus, statt. Die Wirtschaftsführung war die Haushaltskunst, und umfasste die ganze Lebensführung und Lebenskunst. Als älteste bekannte Schrift zur dieser "Hausväterliteratur" zählt die von Xenophon (426-355 vChr). Hier sind alle Lebensaufgaben geregelt; z.B. der Besitz, das Eigentum (Erbrechte), der rechte Umgang mit Gütern (wie Lebensmittel); angepasster Verbrauch durch Planung und Verteilung über die Zeit (Ernte bis Vorerntezeit) (zyklische saisonale Nahrungssituation, s.OLT94) (Kasten 14) und nach Bedürftigkeit (sozialer Schutz, Kinder, Pflege; Kranke, usw.) ;  Sitte und Werte (Verantwortung); Rechte und Pflichten.

Die Geschichte der Ernährungssicherung besteht aus einigen Kapiteln:

  • Geschichten der Ernährungsbildung (Ernährungskommunikation; nutrition communication); früher wurden alle Nahsinne für Handlungskontrolle (Gefahren erkennen; Vorkosten) ausgebildet; heute werden die Fernsinne (hören und sehen)  bevorzugt (Lebensmiitelqualität wird "gelesen" nicht "erschmeckt". Frühere traditionelle Kenntnisse verlieren an Wert (traditional nutritional wisdom)(z.B. OLT89, OLT 137), interne Kompetenz wird verlernt, äussere, externe (jedoch isolierte) "Vorschriften" sind die Regel (Bewertungsproblematik).

Im Idealfall wird das individuelle Ernährungsverhalten im Sinne des Leitbildes vom souveränen Verbraucher in den Phasen der Sozialisation erworben, dazu dienen die (ernährungs)politischen Maßnahmen die (sozialen) Strukturen der Gesellschaft so zu organisieren (Public Health Nutrition), das es Verhältnisse gibt, die (alle) Menschen fähig machen und stärken (empowerment) richtig zu handeln. Das ist noch nicht erreicht.

Unser Handeln und Wirtschaften (am Beispiel des Umgangs mit Nahrung-Umwelt-Mensch) zeigt, dass wir die Sicht für Zusammenhänge verlieren; die Kreisläufe werden so weit, dass es eher Einbahnstrassen sind, als "Recycling" (Rückführung).  Die gemeinsame, abwägende Beurteilung (aus OLT106) der verschiedenen Ziele und Folgen ist zurückgedrängt. Vordergründige (menschliche) Sachzwänge stehen vor Naturgesetzen; es gibt zu wenig Verantwortung und Ethik (Hans Jonas - Prinzip Verantwortung)  (Einstein-Zitat)  (OLT -.Ökol)

Das Ernährungshandeln ist biopsychosoziokulturell gesteuert. Unsere "Biologie", die genetische Ausstattung mit den stabilen Mechanismen für die Ernährungssicherung, reagiert wenn wir Essen sehen; und vermeidet jede unnötige Bewegung (bequem, kovenient leben), wird von relevanten gesellschaftlichen Kräften zur Erreichung des (Ernährungs)Wirtschaftsziel "Mehr-Konsum". (Das Marketing(Werbung) schafft es "satte hungrig zu machen", denn es gibt "food everywhere everytime and in arm length".)(Luxus-Überfluss) Wir können (besser sollten) nicht die "biologische Konstitution" verändern, aber den soziokulturellen Rahmen (z.B. Maßnahmen gegen das "obsogenic environment") (cartoon). Hier muss moderne Ernährungspolitik ansetzen, ebenso moderne Ernährungswissenschaftsrichtungen (Ernährungsökologie; New Nutition Sciences).

Literatur- und Informationshinweise:

Internet: www.foodtimeline.org

Vortrag - Prof. Dr. Hannelore Daniel (TUM München) - Evolution der Ernährung 

Time Line

(Literaturliste allgemeinTimeLine Lit)

Spiekermann, U.: Historischer Wandel der Ernährungsziele in Deutschland (ein Überblick); AGEV-Tagung 2000

OLT094 - Einleitung / OLT146- Einleitung

Geschichte der Ernährungswissenschaften

OLT134Basis

OLT 134B Übersicht 5 - Daten zur Entwicklung von Zeitschriften mit ernährungswissenschaftlichen Inhalt

OLT134B -Übersicht 6 - Daten zur Entdeckungsgeschichte von Nährstoffen

OLT134B_Ü7 - Vergleich von Ernährungsforschungs-Prioritätslisten (Bereich Ernährung in Entwicklungsländern 1968-1978-1983)

OLT134B_Ü8 - Ernährungswissenschaftliche Forschungsthemen und ihre Beziehung zur sozio-politischen Lage einer Gesellschaft: Das Beispiel Deutschland (Zeitraum 1930 - 1950)

OLT134B_Ü9 - Daten über die Gründung von wissenschaftlihen Vereinigungen, Studiengängen, Kongressen, Ernährungsempfehlungen