TYPO3 Musterprojekt - Monday, 18. November 2019
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Ernährungs-Bildung und -Kompetenz durch Nutrition Communication

Der richtige Umgang mit Nahrung ist für jeden Mensch und für die Gesellschaft eine Daseinsaufgabe. Insgesamt sind heute die Kenntnisse der Menschheit über die Nahrungsketten enorm und groß wie nie zuvor. Dieses "Weltwissen" ist wie in allen Lebensbereichen enzyklopädisch zergliedert. Andererseits gibt es  immer mehr Menschen, die kaum noch Ernährungsbildung und -kompetenz haben. 

Die immense Bedeutung dieser Alltagskulturleistung erfährt nur eine oberflächliche Beachtung. Die Weitergabe der Ernährungskompentenzen von einer Generation auf die nächste (Brombach, Sellach), hat im allgemeinen Bildungskanon eine unzureichende Priorität. Zur Ernährungskompetenz gehören beide - Theorie und Praxis. Der Zugang über das Wissen und die Theorie ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig. So sollte auf diesen Wegen, Motivation geschafft und Interesse geweckt werden, um sich mit Ernährungskultur zu befassen. Daraus ergeben sich die folgenden Überlegungen zur "Nutrition Communication", die die theoretischen Grundlagen liefert (Ernährungsbildung), um dann praktische Ernährungskompetenz zu erlangen.  Das (richtige) Sich-Ernähren erfordert (wie das richtige Leben) alle Sinne einzusetzen. Eine wichtige (Vor-)Überlegung besteht darin zu wissen, was man können will, und warum es wichtig ist (Orientierung; Ziele). Im Lebensbereich Ernährung ist sehr leicht einzusehen,  dass Theorie und Praxis zusammengehören. Das Erkennen der Qualität der Ausgangsware, der Lebensmittel, die man erwirbt, um daraus ein gutes Essen zu bereiten, erfordert ein „Begreifen“ der Ware. Zum guten Koch wird man nicht virtuell; sondern manuell (üben; wiederholen). Doch ohne theoretische Kenntnisse über den Sinn der Vorgänge, fällt es schwerer Handlungen zu entwickeln.

Die Ernährungskompetenzen spalten sich immer weiter auf, alle Nahrungsketten sind zergliedert. Die Spezialisierung gibt es auf allen Stufen (Agrar- und Lebensmittelproduzenten). Die Betrachtung der Zusammenhänge wird vernachlässigt. Ein Hintergrund dafür ist, dass Theorie (und Spezialität) höher bewertet wird als Praxis (und „Generalität“). Die abnehmenden Wertschätzung von Alltagsbildungsaufgaben (z.B. durch geringe Bezahlung solcher Tätigkeiten) und die (betriebs)wirtschaftlichen Impulse (Werbung) „Mehr“ anzubieten, hält die Verbraucher an, Fähigkeiten abzugeben und vermindert das Selbsttun (nicht selbst Getränke mischen, sondern Mischgetränke kaufen wird beworben).

Es gibt zwar viele Hinweise, dass die Ernährungskompetenz zurückgeht; doch umfassende Untersuchungen zum Kenntnisstand und den Fähigkeiten der Verbraucher im Umgang mit der Ernährung fehlen bisher. Es ist ebenso noch nicht "ausdiskutiert" welche Ernährungskompetenz das Lernziel wäre. Was soll ein Mensch bezüglich der Ernährung können (das Sein)?  Welchen Grad der Kompetenz bei den Basisfähigkeiten sollten Menschen heute erwerben. Er kann doch alles Haben ("Ich kaufe, also bin ich" -Barbara Kruger -- Kunstausstellung - Shopping) (Erich Fromm - Haben oder Sein ) (Werbebild - Zigaretten -  nicht nach Sinn suchen) (I shop therefore I am)

Wer kann noch Anpflanzen und Großziehen?  Die Distanz zu den Feldern und Gärten wird grösser. Wer weiß woher die Rohware unserer Lebensmittel kommt? Wer kann ein Tier schlachten und Wurst machen? Wer kann (noch) Kochen bzw.  einfache Lebensmittelzubereitungen in der Küche vornehmen? Die Kenntnisse der Haushaltsführung, das ist komplexes Managen, sind ein wichtiges Humanvermögen (ökonomische Berechnung der Hausarbeit).  Diese Bildungsarbeit verliert heute immer mehr an Bedeutung und Anerkennung. Ein Ausgleich könnte durch gesellschaftliche Einrichtungen, wie Kindergarten und Schule erfolgen. Es ist aber festzustellen, dass die Ernährungsbildung in diesen Bereichen ebenfalls weniger wahrgenommen werden. Es herrscht der Eindruck vor, dass die Hauptbildungsarbeit im Ernährungsbereich bei den Anbietern und Medien liegt. Es scheint so, als ob die Gesellschaft es will oder zumindestens hinnimmt, dass die Ernährungsbildung privatisiert wird.  Nicht nur im Umfang der Ernährungsbildungsarbeit gibt es Lücken und Unausgewogenheiten,  sondern auch in den Inhalten. Die Schwerpunkte liegen zu sehr auf dem Vermitteln von Theorien und spezialisierten Wissen; und der Praxisbezug, das Erwerben (Üben) von Fähigkeiten, Aufgaben planerisch und organisatorisch auszuführen,  das System-Denken und –Managen wird vernachlässigt. Es ist eine lange Kette vom Wissen bis zum (Alltags)Handeln.  Das isolierte Wissen, die großen Informationsmengen müssen in praktischen Aufgaben eingebunden werden. Deren Relevanz bei der Entscheidungsfindungen - den Zielkonflikten des Alltags - ist durch eigenes Handeln zu erwerben. Diese Fähigkeiten werden im Prozess der Sozialisation (Glossar) geprägt. Die Sinne werden "ausgebildet" und der Umgang mit dem Essen (Kochen) hilft Sinne zu bilden; analog wie der praktische Umgang mit Musik. Je vielfältiger und differenzierter das Ernährungs-Sinne-Angebot ist, desto besser kann die Ernährungsbildung werden (Eintönigkeit kann schwerlich zum Wohlklang führen).  Ernährungskultur entsteht nicht allein durch die Hervorhebung der verschiedenen Eigenschaften  einzelner Nährstoffe und Lebensmittel (Instrumente), sondern aus dem "Zusammenspiel".   Im grossen Ernährungs-Orchester (Metapher) wird gegenwärtig noch zu vieles unkoordiniert von sich gegeben. 

Die stofflichen und sinnlichen Angebote der Umwelt bilden die Reize, die die angeborenen Entwicklungsabläufe prägen. Je unterschiedlicher die Reize, desto differenzierter die Reaktionen. Der Stoffwechsel wird ausgebildet; die notwendigen Mechanismen (wie z.B. für die Verdauung und der Immunreaktionen) (nutrition programming) werden angelegt; wenn zur Muttermilch weiteres zugefüttert wird. Die optimale physiologische „Ausbildung“ wirkt sich auf alle weiteren Lebensphasen aus  (Nutrition in the Life Cycle), dies betrifft auch die soziokulturellen Regel(kreise).

Der Umgang mit Nahrung und die Gestaltung der Speisen kann zur Handwerkskunst werden und damit zu einem Teil der (Alltags)Kultur. Verschiedene Speisen sind Symbole der Lebenskultur der Gesellschaften; Brot ist bei uns z.B. im religiösen Abendmahl von göttlichem Bezug. Ihre Rolle in der Malerei ist deutlich, es sei nur an Stillleben erinnert. Feinschmecker haben einen besonderen, weiteren Sprachschatz als "Ernährungsanalphabeten". Zur Lebenskultur gehören Regeln vom Umgang miteinander - Manieren und Benehmen. Dazu zählen die Ernährungsregeln, diese müssen ebenso ausgebildet werden.  Umgang mit Ernährung ist Teil der (non-verbalen) Kommunikation der Menschen. Daran zeigt sich Zugehörigkeit und Distanzierung.  Wer darf was essen und was nicht? Wie ist die Tischordnung, wer erhält zuerst das Essen, wer erhält das grösste Stück (Fleisch)? Die Regeln waren in zurückliegenden Zeiten deutlich zu erkennen; heute sind sie zwar vorhanden, sind jedoch differenzierter, je nach Verbrauchergruppe und Verzehrssituation zu unterscheiden. Sie werden auch weniger deutlich niedergeschrieben (wie z.B. früher in der „Hausväterliteratur“ und den „Benimm-Büchern“; Knigge). 

Alle Verantwortungsträger der Gesellschaft sollten die Ernährungsbildungslücken erkennen; und Konsequenzen und Folgen abschätzen. Je weniger einzelne Gruppen Ernährungskompetenz haben, desto abhängiger werden sie von den Hilfen der Anbietern (food democracy). Die grossen Lebensmittelhersteller kennen die Verbraucher sehr gut. Das Marketing erkennt die Lücken der Verbraucher, wo sie Hilfe und Orientierung suchen (Consumer Insight). Das Angebot besteht zu nehmend nicht nur aus der „Hardware“, den Lebensmitteln, sondern auch aus der „Software“ - der Information. Diese nehmen an Umfang zu (s. Lebensmittelkennzeichnung), so wird der Wert der Zusatznutzen immer wichtiger. So steht in den Geschäftsberichten der grossen Anbieter, „Leadership“ in Ernährung ist nicht nur beste Qualität der Produkte zu garantieren, sondern auch Führungskraft im Kontakt zu Konsument zu sein; umfassende Aufklärung und Information. Da aber Anbieter und Verbraucherinteressen unterschiedlich sind , muss es auch neutrale Mittlerstellen geben.
Von den Methoden der Anbietern kann gelernt werden, wie durch geschickte Nutzung aller Medien und professioneller Nutzung von verschiedenen Bildungsmaterialien, Verbraucher auf bestimmte Ziele hin gebildet werden (Marktforschung - social marketing). Hier werden Verbraucher aller Zielgruppen, entlang dem Lebenszyklus angeregt, Bedürfnisse zu entwickeln, die durch den Erwerb der entsprechenden Produkte befriedigt werden können. Jeder grosser Hersteller hat für alle Zielgruppen (soziale Strukturen) eindrucksvoll gestaltete Materialien; sei es für Schwangere, Stillende; Mütter mit Kleinkindern; für Schulkinder, für Jugendliche, und weitere Gruppen bis hin zu verschiedenen Seniorentypen und für solche Zielgruppen, wie z.B. Allergiker, Diabetiker, Vegetarier und viele weitere Gruppen. Es stehen praktisch alle Informationen  in den verschiedenen Formen (Broschüren, Internet, Hotlines, usw.) zur Verfügung. Analog nehmen entsprechende Kundenbindungsaktivitäten des Lebensmittelhandels zu; so werden aus den früheren Prospekten, jetzt z.B. Zeitschriften, die Werbung und Informationen verquicken (Beispiel - EDEKA)

Bei vielen  Medien ist die Verquickung von neutraler Information und Marketing der Anbieter nicht eindeutig; und müsste vermehrt untersucht werden. Entsprechende Verbraucherbildung (zur Informations- und Medienkompetenz) ist notwendig, um  die Interessen-geleitete Information besser erkenn zu können. Würden unkritisch einzelne Anbieterratschläge befolgt werden, so könnte folgendes herauskommen:

  • Trink viel Rotwein
  • Verzehre regelmässig Schokolade
  • Esse fett und verliere Gewicht
  • Gesunder Schlaf macht sie fit.

(Aus einem Editorial – The Best Advice – www.PreparedFoods.com; September 2000; NS3).

Das Marketing kann nicht  den Nutzen für den Verbraucher (oder die Gesellschaft) in den Mittelpunkt stellen; die private Wirtschaft kann nicht philantrophisch orientiert sein, sondern muss wirtschaftlichen Ertrag haben.  Die Alternativen zu den Anbieter-Informationen müssen gestärkt werden. Das kann nur in Zusammenarbeit aller Akteure im Ernährungs-System geschehen. Die Gesellschaft muss jedoch die Rahmenbedingungen, die Ordnungsprinzipien, politisch festlegen.

Voraussetzung für solche Ernährungsbildungsaufgaben ist das Kennen der verschiedenen Zielgruppen, und die Wege für eine zielgruppen-gerechete Kommunikation.
Ansätze für Ernährungsbildungsprogramme sind auch in Deutschland vorhanden. Die theoretische Ausbildung war erfolgreich. Die Menschen wissen heute im Großen und Ganzen, was gesunde Ernährung ist. Diese Aufgaben müssen fortgeführt werden, und die erkannten Lücken sind zu schliessen. Dazu zählen Aktionen gegen das zunehmende Vergessen der Bedeutung der Lebensmittelhygiene. Die Vermittlung aller Werte der Lebensmittel muss verbessert werden; das sind die bekannten, wie GeschmackGesundheit und Preis, und neuere bzw. in Vergessenheit geratene, wie die Beziehungen der Ernährung zur Natur (Umwelt, Ökologie) und zur Kultur (soziale Werte). Die Gesamtbetrachtung (holistische Sichtweise) ist noch nicht genügend anerkannt. Die Hauptlücke besteht in der Ergänzung der theoretischen Bildung durch praktisches Einüben. Die vorhandenen Initiativen, wie z.B. Sinnentraining für Kinder; Gesundheit, die schmeckt; Kampagnen wie  5amTag (www.5amTag.de ); Pfundskur (www.pfundskur.de - nicht mehr gültig; neu: www.pfundsfit.de ), und andere (Dannenberg AGEV 2000), sind zu ergänzen und vor allem zu verknüpfen durch die Erstellung eines ernährungspolitischen Programmes.

Ergänzende  Informationen:

(Public Health Nutrition ⇒ Nutrition PlanningNutrition Communication)

(OLT218- Kap. 4.5.) --- (OLT - Lecture)

R.S.Wennink:  Improving lifestyle habits using personality types; Journal of The American Dietetic Association 99(6)  666-667 (1999)

Ernährungsbildungsinformationen bei Ines Heindl – Ern.Umschau /  REVIS

Werte der Hausarbeit -  Ketschau  1996 Vortrag - Piorkowsky - Neue Hauswirtschaft --  Finanztest 2003 Hesse

Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung REVIS -  http://www.ernaehrung-und-verbraucherbildung.de

Angelika Meier-Ploeger; FH Fulda. Handbuch der Projektgruppe "Fühlen wie´s schmeckt" der Fachhochschule Fulda / Sinnesparcour food media verlag,

Rosemarie von Schweitzer: Bildung für die Daseinsvorsorge und Alltagskultur. Der Förderdienst 48(2) 40-43 (2000)

Michel Andrien: Social communication in nutrition: A methodology for intervention - FAO, 1994 (link)   

Adrienne Lehrer: Die Sprache der Weinprobe. Zur Entwicklung und Verwendung wissenschaftlicher Terminologien. Zeitschrift für Semiotik 4(4) 337-362 (1982). Werner Enninger. Auf der Suche nach einer Semiotik der Kulinarien. Ein Überblick über zeichenorientierte Studien kulinarischen Handelns. Zeitschrift für Semiotik 4(4) 319-336 (1982). (Lit. 45.756)  -  http://ling.kgw.tu-berlin.de/semiotik/DEUTSCH/ZFS/Zfs82_4.htm 

Weinaroma-Rad

Stichworte in EDW -  Verpackung - Kennzeichnung