TYPO3 Musterprojekt - Friday, 18. June 2021
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Die Strukturen des Ernährungshandelns

Die Beschäftigung der Menschen mit der Ernährung beginnt mit der Beschaffung,  führt zum Verzehr und endet mit der Reste- bzw. Abfallbeseitigung. Vom Acker bis zum Teller sind viele Entscheidungen zu treffen und Handlungen durchzuführen. Es gibt Nahrungsketten (Chart) (food chains) und Life Cycle Assesments (LCAs); Ökobilanzen). Bei Selbstversorgern sind diese überschaubar, in globalen Wirtschaftsräumen sind sie es nicht mehr. (VL 16).

Die Ernährungssoziologie untersucht „Wer bestimmt diese Kette, wie sind die Rollen verteilt“. Wer entscheidet (Gatekeeper), welche Pflanzen und Tiere als Lebensmittel-Rohstoff genutzt werden; welche Lebensräume als landwirtschaftliche Nutzflächen dienen, wem gehört die Ernte u.v.a.m. Menschen gestalten die Natur nach ihren Bedürfnissen, und entwickelten dazu Agrar- und Ernährungskulturen.

Die Basis des menschlichen Handelns ist biologisch, denn die Nahrungskette wird zur Befriedigung des physiologischen Grundbedürfnis benötigt. Das Verhalten hat eine biologische Grundlage, es folgt dem Stimulus-Organismus-Reaktion-(S-O-R)-Modell.  Dabei gibt es entwicklungsgeschichtlich-gestufte Reaktionen.
Die biologischen Strukturen (Anatomie) des Menschen erlauben, daß trotz kontinuierlichem Stoffwechsel, die Nahrungszufuhr diskontinuierlich sein kann (Mahlzeiten). Dadurch ist der Mensch mobil. Es stellt eine große gesellschaftliche Organisationsleistung dar; dass es möglich ist, die zeitlich und räumlich diskontiuerlichen Angebote der Natur, so geregelt zu haben, dass die Aufgabe der Nahrungssicherung für unsere Gesellschaft erfüllt wird. Für diesen Ausgleich über Raum und Zeit wurde ein grosses Netzwerk, ein sog Ernährungsystem entwickelt. Aus früheren einfachen Nahrungsketten sind komplexen Systeme geworden (s  VL 6 ;VL 20 )

Das Leben ist an soziale Strukturen gebunden. Es gibt Handlungsräume (Settings) (Umwelt ⇒ Lebensräume-Settings), Familien-(Generationen) und Haushalts-Strukturen. Das Sich-Ernähren sind Aufgaben des Alltags (tägliche vs langfristige Handlungen), diese Aufgaben werden in den sozialen Mikrosystem bewältigt. Um im Alltag entsprechend selbstständig handeln zu können, braucht es viele Jahre. Im Bildungs- und Sozialisationprozeß lernen Menschen die Grundfähigkeiten (Handlungskompetenz). (s auch VL  28).

Die Ernährungssoziologie betrachten den Wandel in der Ernährung (der Ernährungssysteme) in bezug zum gesellschaftlichen Wandel (Geschichte der Ernährung). Leben ist kontinuierlich; Neues baut auf Vergangem auf. Die Dimension „Zeit“ muß beachtet werden, d.h. nicht "Schnappschüße" sondern "Filme übers Leben“ müssen betrachtet werden (longitudinale Studien). Die Hauptakteure im Ernährungssystem (s. Stakeholder) und ihre Funktionen werden in folgenden Vorlesungseinheiten vorgestellt  

Ernährung wird heute vom einzelnen Menschen nur als ein kurzer Ausschnitt (der Nahrungskette) wahrgenommen. Die Primärerfahrungen gehen immer weiter verloren. Es gibt für die meisten von uns keine echte existenzielle Bedrohungsgefahr (Hungersnot) mehr. Das gilt für viele Alltagsbereiche, im  Prozess der Zivilisation (Nobert Elias) erleben wir eine Entnaturalisierung. Die Handlungsfelder werden für die einzelnen Menschen immer kleiner. Es gibt nur mehr Teil-Sinneserfahrungen, wir können nur Teil-Leben erfahren.

Das Sich-Ernähren (das Essen) ist eine wichtige Schnittstelle zwischen Aussen und Innen; zwischen Natur und Kultur (Dichotomie). Essen symbolisiert die Lebens- und Gesellschaftsstrukturen. Sich-Ernähren vermittelt den Menschen Zeiterfahrungen. Die Erzeugung der Lebensmittel ist an „Zeit/en“ gebunden; die Saison; die Reifezeit; die Garzeit, usw. Das ist alles relativ slow“. Mit der Zerlegung des „Lebens“ und der Beschleunigung des Transports und der Kommunikation verlieren wir den Zeitbezug (Entkoppelung von Naturabläufen; Trennen, zerlegen - Taylorismus) wir erfahren Desynchronisierungen, und alles wird "fast".
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