Verbraucher mit verschiedenen Lebenskonzepten

Verbraucher und deren Handlungen unterscheiden sich nach den Lebenskonzepten, die sie ausüben. Diese entstammen der Tradition ihrer Herkunft (Eltern, Heimat, usw.) und können so regional geprägt sein (z.B. „Sparsamkeit und Fleiß der Schwaben“) (Kap. 1.3.4.8). Das kann bewusst gepflegt werden. Solche Gruppierungen leben zusammen, was sich quasi von selbst vollziehen kann (z.B. „Türkenviertel“), oder was gezielt organisiert wird (z.B. Flücht-lingssiedlungen nach dem Krieg, Ostpreußen-Viertel). Heute gibt es immer noch Gemeinden in Deutschland, in denen besonders viele „frühe Religionsflüchtlinge“ leben (wie Hugenotten, Waldenser, usw.).

Zu den wenigen ethnischen Minoritäten, die schon lange auf deutschem „Boden“ leben, zählen z.B. die Sorben im Land Brandenburg und die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein. Ebenso sind Sinti und Roma eine „kleine“ Minorität. (Slow Food 03_2009 - Informationen zu Lausitz und den Sorben; S.20-27, Scan vorhanden)
Die Sorgen der Sorben TAZ 14.10.2013

Religionszugehörigkeit begründet häufig Lebenskonzepte, wobei die dominierenden christlichen Religionsarten im Großen und Ganzen diesbezüglich nur noch einen geringen Einfluss haben. In unserer säkularen Welt gibt es nur noch Relikte davon, z.B. das Fasten der Vor-osterzeit oder den Fisch am Freitag (Institut für Demoskopie Allensbach 2000a). Andererseits gibt es noch Gruppen, die christliche Regeln strikter einhalten (Pietisten, Orthodoxe), aber zunehmend mehr Anhänger anderer Religionen, z.B. Moslems, Juden, Buddhisten. Damit verbundene Ernährungsregeln überspannen ein weites Feld und reichen bis zum Vegetaris¬mus. Essen ist ein Zeichen von Zugehörigkeit zu speziel¬len Gruppen (Bordieu 1989).

(Literatur Übersicht 56 - Ernährung und Religion)

(Informationssammlung zu Evangelikale, Pietisten u.a.) (siehe auch Religion)

Für die heutige Gesellschaft sind die weltlich orientierten unterschiedlichen Lebensstilformen wichtig. Diese wirken sich deutlich auf die Nachfrage nach Lebensmitteln aus. Durch den Ernährungsstil zeigt man seine feinen Unterschiede (z.B. auch in den Wertorientierungen: traditionell, modern, extravagant, usw.). Sie trennen von denen ab, mit denen man sich nicht gemein fühlt, und die zusammengehören wollen, tun und essen das Gleiche. Dies trifft für alle Schichten zu. In Sprache, Kleidung und Essen zeigen sich Lebenskonzepte und Lebensstil. Dazu passen die „vereinbarten“ Autoritätsstrukturen (wie z.B. patriarchalisch, matriarcha¬lisch, partnerschaftlich) und auch die Formen des Zusammenlebens: Wohngemeinschafts¬formen, bipolare Haushalte (Pendler, living apart together).

Bis vor einiger Zeit war die allgemeine Trendvorhersage, dass sich die traditionellen Formen auflösen werden. Verhalten von Menschen ordnet sich nicht mehr Regeln unter, sondern die Menschen suchen sich aus der Vielzahl (Multioptionalität) das Passende heraus. Feste Werte auch beim Essen, Tischzeiten und Tischordnungen gehen unter im Sog des „Zappens“ und „Grazings“. "Ich nehme mir, ich esse, was ich gerade brauche". Bedingt durch die gesell-schaftlichen Zwänge (Mobilität und Flexibilisierung), die noch zunehmen, ist dieser Druck auch weiterhin vorhanden. Andererseits gibt es Hinweise für eine Abkehr vom absoluten Individualismus und der individuellen Beliebigkeit und zu einer Hinwendung zu modern geformten traditionellen Werten, die auch Haushalt und Familie „fördern“. Das individualis-tische treiben zu, zwischen und nach allen Formen der Lebensgestaltung wird zum „Stress“. Vielleicht wird eigenständiges, innengeleitetest Handeln (sich selbst bewegen, inline-skating) zu einem wichtigen Lebenskonzept, selbst etwas für andere zu tun, nicht aus Pathos, sondern als solidarischer Individualismus und kalkulierte Hilfsbereitschaft (Balance zwischen Eigen- und Gemeinnutzen, Erfahrung des aufeinander angewiesen seins, „Ich helfe Dir, damit auch mir geholfen wird“). Ein Symbol dafür könnte das wieder mehr Selbst-und-mit-Anderen-Kochen sein (Anti-convenient, Retro-Stil, Slow-Food-Bewegung).

 

Die Zuordnung zu den unterschiedlichen Lebenskonzepten ist teilweise recht schwierig und auch wissenschafts-methodisch noch nicht gut untersucht. Häufig können Verbraucher gar nicht benennen, zu welchem Lebenskonzept sie „gehören“, weil sie einfach aus Tradition und Gewohnheit heraus so leben, ohne dem einen Namen (ein „Label“) zu geben.

Ein für die Lebensmittelnachfrage wichtiger Teilaspekt ist die Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten Ernährungskonzept. Dies kann die traditionelle Küche der Region sein (Kap. 1.3.4.9) oder auch die „Diät“, die man aus gesundheitlichen Gründen einhalten muss (Kap. 1.3.4.2, 1.3.4.3). Analog zu den Lebenskonzepten gibt es entsprechende Ernährungsformen, die dann, weil sie sich von der Mehrheit, dem Durchschnitt unterscheiden, als alternative Ernährungsformen klassifiziert werden (Leitzmann und Hahn 1996):

- Vegetarismus (verschiedene Formen: Lacto-Ovo, Veganer, Frugivoren, usw.);

- Frühe Reformbewegungs-Ernährungsformen: Anthroposophische Ernährungsformen, Waerland-Kost, Hay´sche Trennkost;

- Moderne Reformbewegungs-Ernährungsformen: Vollwert-Ernährung, Öko- und Bio-Ernährungsformen, Rohkost;
(Generation Grün - Titelthema "natur" 2012_06 / eigner Garten - urban gardening; "neo nature" ; Boom der Zeitschriften wie Landleben; Landglüc, Landpartie); Stefan Munzinger - www.naturgucker.de /
Natur in Zahlen (S.23) - 25% aller Arten in Deutschland in Gärten anzutreffen; 17 Mill Gärten gibt es in Deutschland = 6800m2 (Nationalparkflche - 1943km2; 3,9 Mrd Umsatz  - Gartenpflanzen;  5 Mill Rasenmäher gibt es)
(Gartenarbeit - 1Std = 300kcal)

- Asiatisch orientierte Ernährungsformen (Ayurveda, Makrobiotik, usw.);

- (Gesundheits-) Marketing-Ernährungsformen: Fit for life.

 

Diese Lebenskonzepte sind wichtige Kriterien für das Handeln und wichtige Determinanten für das Ernährungshandeln. So werden sie in entsprechenden Untersuchungen auch ermittelt und führen zu Verbraucher-Typologien. Diese können mit den hier genannten Lebenskon-zepten einhergehen, sie können aber auch „künstlich“ im Bild der Forscher entwickelt werden. Dies wird im nächsten Kapitel beschrieben.

 

Auf die Besonderheit, dass sich der Lebensraum auf das Handeln von Menschen auswirkt, und so die Nachfrage nach Lebensmitteln regionale Bezüge hat, wird in einem separaten Kapitel eingegangen (Kap. 1.3.4.9).

 

 

 

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